Rezension zu André Herzberg, Alle Nähe fern

Ich habe das Buch von einem lieben Kollegen bekommen. Die ersten Seiten haben mich nicht gerade begeistert. Doch mit jedem Kapitel stieg meine Leselust und am Ende hat mich das Buch bereichert. Alles, was Ihr über das Buch wissen müsst und meine Rezension zu „André Herzberg, Alle Nähe fern“ findet Ihr hier

 


Erinnerungen an den 11. September

Zwölf Jahre auf den Tag genau ist es her, als die Welt stillstand und Menschen den Atem anhielten. Eine deutsche Boulevardzeitung schrieb am 12. September 2001 Ein Leben lang werden sich Menschen an diesen Tag erinnern und ganz genau wissen, wann und wo sie waren.

Ich kann mich noch gut an den 11.September 2001 erinnern. Doch für mich beginnt der 11.September viel früher.

Es war mein erster Flug nach New York Ende der 1990er Jahre. Der Flug über den Atlantik hatte lange gedauert und ich war mit fast 3 Stunden Verspätung in Düsseldorf gestartet. Der Lufthansa-Airbus flog den Hudson entlang in Richtung New York. Irgendwo hinter Albany sah ich über den Wolken etwas leuchten. Es war die Antennenspitze des World Trade Centers. Mit und mit erkannte ich die obersten Stockwerke des WTC. Kurios war, dass man die anderen Gebäudekomplexe der Stadt noch gar nicht sehen konnte. Der Anblick hat mich noch lange fasziniert. Beeindruckend war auch der erste Blick auf die Skyline, die sich von der Septembersonne angestrahlt in den schönsten Farben und Facetten zeigte. Beim Landanflug auf Newark saß ich an der richtigen Seite und konnte die Schönheit Manhattans in vollen Zügen genießen. Jahre später konnte ich verstehen, was in den Köpfen der Passagiere vorgegangen sein musste, als sie am 11. September 2001 von Newark abhoben und das brennende World Trade Center sahen.

Ich blieb nur kurze Zeit in New York, weil ich mit dem Amtrak die Ostküste entlang reisen wollte. Doch der eine Tag in New York reichte völlig aus, um mich in diese Metropole zu verlieben. Natürlich führte mich mein Weg auch in den Battery Park und über die West Street direkt zum World Trade Center. Um die Mittagszeit herrschte hier reger Betrieb. Viele gut gekleidete Geschäftsleute und Banker hatten Mittagspause und trugen ihren Kaffee to go durch die Gegend. Das WTC hatte eine seltsame Anziehungskraft. Ich fuhr nicht in die obersten Etagen, weil ich unbedingt noch über den Broadway laufen wollte und ich meinen Zug um 20 Uhr erreichen musste. Auch bei meinen weiteren Aufenthalten in New York, habe ich es nie geschafft in die oberen Etagen des WTCs zu fahren.

Pünktlich verließ mein Zug New York in Richtung Washington. Wieder konnte ich den Blick auf die Skyline genießen und wieder war es das World Trade Center, deren Spitze ich noch lange am Horizont erkennen konnte.

Es war ein sonniger 11. September und ich war in bester Urlaubsstimmung. In wenige Stunden wollte ich nach Marokko aufbrechen. Ich schlief lange und wollte am Nachmittag meine Eltern besuchen. Meine Mutter stand aufgeregt vor der Türe und gestikulierte. Ein Flugzeug ist in New York mitten in der Stadt abgestürzt. Fehlerhaft waren die ersten Nachrichten, die über den Bildschirm kamen. Mein Vater saß vor dem Fernseher und verfolgte die Geschehnisse in New York. Peter Klöppel versuchte Licht ins Dunkel zu bringen. Wie erstarrt schaute ich auf das Fernsehgerät und sah das zweite Flugzeug einschlagen. Es war totenstill im Wohnzimmer meiner Eltern. Klöppel war angespannt und es sah so aus, als kämpfte er gegen Tränen an. << Das ist der 3. Weltkrieg. >> bemerkte mein Vater ganz trocken. Stundenlang verfolgten wir die Bilder. Der Flugverkehr war eingestellt und ich war sowieso nicht mehr in Urlaubsstimmung. Noch am Abend stornierte ich meine Reise nach Marokko. Mein Mann und ich waren wie gelähmt. Er versuchte seine amerikanischen Verwandten in der Nähe von Washington zu erreichen. Sein Onkel war Gouverneur gewesen und hatte bis heute oft in Washington zu tun. Doch es kam den ganzen Abend keine Verbindung zustande. Viele Stunden später erreichte uns eine E-Mail aus Virginia. Alle waren wohl auf, aber in größter Sorge. Stundenlang hatten wir die Fernsehbilder verfolgt und wollten nicht mehr länger einfach nur da sitzen. Spontan fuhren wir in die Innenstadt, um im Dom zu beten und für die Opfer Kerzen anzuzünden. Auf dem Marktplatz hatten sich viele Menschen versammelt, sie hatten Blumen und Kerzen abgelegt. Es lagen auch viele Karten und Zettel auf dem Boden. Menschen suchten nach Worten und Erklärungen. Auch muslimische Mitbürger standen fassungslos dort und einige baten sogar um Vergebung. Die Kirchen waren an jenem Abend voll und es hatte den Anschein, als würde die Welt stillstehen.

Einige Monate waren seit den Anschlägen vergangen. Der Krieg in Afghanistan hatte begonnen und die ganze Welt jagte Osama Bin Laden. Es war ein kalter Dezembernachmittag als die Queen Elizabeth 2 in Southampton ablegte, um mich und hunderte andere Passagiere nach New York zu bringen. Über fünf Tage dauerte die Atlantiküberquerung. Ab der Irischen See wurde das Wetter stürmisch. Wir erlebten zwei schwere Schneestürme und fast alle Passgiere litten unter der Seekrankheit. Kurzzeitig musste sogar der Kurs geändert werden und wir steuerten in Richtung Neufundland. Der Kapitän versuchte den Stürmen, so gut er konnte, auszuweichen und einige hundert Seemeilen vor New York beruhigte sich der Atlantik wieder. Unsere Ankunft in New York war für 6 Uhr geplant, aber ab 4 Uhr sollten schon die ersten Lichter zu sehen sein. Nach dem Mitternachtsbuffet nahmen wir noch einen letzten Cocktail an der Bar. An Schlaf war in dieser Nacht sowieso nicht zu denken. Auf dem Schiff herrschte ein wildes Treiben. Viele waren froh, nach fünf langen Seetagen endlich wieder Land zu sehen. Auch der Dresscode schien nach Mitternacht schon außer Kraft gesetzt zu sein. Wir tauschten Smoking und Cocktailkleid gegen wetterfeste Jacken und machten es uns auf dem Außendeck bequem.

Die QE2 erreicht New York (c) Carina Tietz

Die QE2 erreicht New York (c) Carina Tietz

Näher und näher kamen die Lichter der Stadt und gegen 6 Uhr passierten wir Coney Island und fuhren durch die Verrazzano-Bridge in die Upper Bay. Ich hatte Angst vor dem Anblick der Skyline. Wie würden sie aussehen ohne das World Trade Center? Mein Blick war zunächst auf die andere Seite gerichtet. Die Queen Elizabeth 2 steuerte an der Freiheitsstatue und an Ellis Island vorbei. Jetzt war der Moment gekommen. Wir erreichten den Hudson River. Die Passagiere blickten mit Entsetzen zur Battery Park City herüber und manche amerikanischen Passagiere hatten Tränen in den Augen. Die Türme waren weg, einfach weg. Es sah aus wie eine Fotocollage bei der man einfach das WTC weggelassen hatte. Ich wusste genau hinter welchen Gebäuden des Battery Parks die Lücke klaffte. Nie würde ich vergessen, wo die Türme einst gestanden hatten. Doch das Schlimmste stand mir noch bevor, denn ich wollte mir Ground Zero aus der Nähe anschauen.

Der Tag in Manhattan begann sonnig und trocken. Unter meinen Füßen schwankte immer wieder der Boden. Die Überfahrt über den Atlantik steckte mir im wahrsten Sinne des Wortes noch in den Knochen. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, warum wir uns zu Anfang immer wieder vom Financial District entfernten und zunächst das Rockefeller Center und Central Park besuchten. Wahrscheinlich hatten wir unterbewusst Angst davor, was uns an den Ruinen des WTCs erwartete. Am späten Vormittag erreichten wir schließlich den unteren Broadway an der Dey Street und bogen in Richtung WTC ab. Das erste was uns ins Auge fiel war das große Stahlkreuz, das aus den Trümmern des WTCs stammte. Es stand dort, als wolle es den Ort des Todes kennzeichnen. In drei Tagen war Heiligabend. Mitten in der Baustelle stand dieser übergroße Weihnachtsbaum. Darunter hing ein Plakat mit der Aufschrift never forget. Obwohl Ground Zero ein Ort des Todes und der Einäscherung tausender Menschen war, ging es sehr lebhaft zu. Bagger fuhren umher und zig Kräne bewegten sich im Eiltempo über die Ruine. Minutenlang standen wir einfach nur da und blickten durch die meterhohen Bauzäune an der Church Street. Unser Vorstellungsvermögen reichte einfach nicht aus, um zu verstehen und begreifen zu können, was hier am 11. September 2001 geschah. Hier überall hatten pulverisierte Leichen gelegen. Es war so, als würde ich über Grabsteine eines Friedhofes spazieren gehen.

Ein Weihnachtsbaum am Ground Zero in New York (c) Carina Tietz

Ein Weihnachtsbaum am Ground Zero in New York (c) Carina Tietz


Ich war den Tränen nah. Meine Beine waren wie gelähmt, als wir an St. Paul´s Chapel ankamen. Hier war der 11. September noch gegenwärtiger als am Ground Zero. Die Kirche war schon Stunden nach den Anschlägen ein Zufluchtsort gewesen. Ihre Bilder gingen um die Welt, denn trotz ihrer Nähe zum WTC war St. Paul´s Chapel nicht beschädigt worden. Selbst die Fenster waren ganz geblieben. Die Kirche war im September 2001 Schlafstätte, Essensausgabe, ein Ort zum Beten und ein Ort zum Trauern. Schließlich konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten, als ich die vielen Botschaften am Außenzaun der Kirche sah. Überall hingen Fotos, Banner und Dinge, die irgendwie mit diesem Tag in Verbindung standen. Ich sah das Bild eines New Yorker Feuerwehrmannes in Uniform. Auf dem Bild war ein schwarzes Kreuz gemalt und eine verwelkte, rote Rose zierte es. Weiter unten hing das Foto eines Mannes. Darunter stand in Kinderschrift geschrieben Daddy, I miss you. Aber es waren auch kämpferische Zitate zu sehen. Eine Schulklasse hatte Handabdrücke auf ein Laken gemalt und ihre Parole lautete united we stand. Auf einer amerikanischen Flagge stand geschrieben we are all New Yorker und ein Plakat zeigte einen Feuerwehrhelm und darunter stand in schwarzen Druckbuchstaben memorial to heroes.
Erinnerungen an den 11. September an St. Paul´s Chapel (c) Carina Tietz

Erinnerungen an den 11. September an St. Paul´s Chapel (c) Carina Tietz


Es war schwer das Erlebte zu verarbeiten. Wir wollten eigentlich am Fulton Fish Market zu Mittag essen, aber Hunger hatte in diesem Moment niemand mehr. Das Ganze war uns auf den Magen geschlagen. Stattdessen ruhten wir uns auf einer Bank am South Street Seaport aus und beobachteten Brooklyn Bridge. Aber auch hier waren die Erinnerungen an den 11. September allgegenwärtig. Sofort hatte ich die Bilder, der farbigen Frau im Kopf, die voller Staub versuchte über die Brooklyn Bridge zu entkommen.
Brooklyn Bridge (c) Carina Tietz

Brooklyn Bridge (c) Carina Tietz


Diesmal war es ein anderer Aufenthalt in New York. Das merkte man überall. Die Regierung hatte vor Anschlägen gewarnt. Es herrschte die höchste Warnstufe. Einen Tag vor Weihnachten wimmelte es am -Kennedy-Airport nur so von Sicherheitskräften. Es dauerte Ewigkeiten, bis wir die Sicherheitskontrollen passiert hatten. Dann mussten wir schlagartig das Gebäude verlassen. Im Terminal wurde eine herrenlose Tasche gefunden. Fehlalarm!! Als wir wieder am Gate ankamen, wurden wir erneut aufgefordert das Gebäude zu verlassen. Eine Maschine der Virgin Atlantic wurde noch während des Boardings wieder geräumt. Es gab eine Bombendrohung. Drei Stunden später saßen wir endlich in einer Boeing 747 der Singapore-Airlines, die uns nach Frankfurt brachte. Bis zum Abflug verging noch eine weitere Stunde. Die Concorde durfte vor uns starten und eine Maschine der Royal Jordanian wurde von Sicherheitsleuten umstellt. Das alles war New York nach dem 11. September.