Der Sinai: Urlaubsparadies und Kriegsschauplatz

Eigentlich hatte ich immer gehofft, dass sich der ägyptische Staat neu formiert und im ganzen Land endlich Ruhe einkehrt. Doch die Spaltung ist zu groß, das Sicherheitssystem ist zusammengebrochen und der Waffenschmuggel über den Gazastreifen ist ein weiteres Problem. Auch tauchen immer mehr Waffen aus den Arsenalen vom einstigen libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi auf. Experten gehen davon aus, dass vertraute Gruppen der Al Kaida auf dem Sinai ein islamisches Kalifat errichten wollen. Das ägyptische Militär konnte bereits erste Luftabwehrraketen sicherstellen.

Ohne Visa geht in Ägypten gar nichts! Foto: © Carina Tietz
Ohne Visa geht in Ägypten gar nichts! (c) Carina Tietz

Aktuelle Reisehinweise für Ägypten
Angesichts der aktuellen Lage in Ägypten ist es nicht verwunderlich, dass das Auswärtige Amt seine Reisehinweise verschärft hat. Die Bundesregierung rät ab sofort von Reisen auf den Sinai ab. Aktuell sind nun auch die Badeorte betroffen. Mitte Februar kam es zu Anschlägen und Anschlagsversuchen im Badeort Taba. Auch auf dem Süd-Sinai rund um Sharm el Sheikh könnte sich die Lage zuspitzen. Schon jetzt wird von unnötigen „Bewegungen“ außerhalb der Hotels abgeraten. Wer kann, sollte den Sinai verlassen.
Auch für die übrigen Regionen gelten Sicherheitshinweise. So wird vor Reisen in das Nildelta und Fahrten außerhalb der Ballungsgebiete von Kairo und Alexandria abgeraten. Fahrten in die nördlichen Regionen von Luxor sind ebenfalls nicht ratsam. Im ganzen Land kommt es verstärkt nach den Freitagsgebeten zu Demonstrationen, die schnell in blanke Gewalt übergehen und außer Kontrolle geraten. Gefährdet sind hier die Gebiete um den Tahir Platz in Kairo und der Universität in Giza. Aber auch in anderen Orten, wie Port Said kann es spontan zu Demonstrationen kommen. Angespannt ist die Lage auch entlang der ägyptisch-israelischen Grenze. Erst vor zehn Tagen starben drei südkoreanische Urlauber und ein ägyptischer Fahrer bei einem Bombenanschlag auf einen Touristenbus in Taba.

Irgendwo auf dem Sinai (c) Carina Tietz
Irgendwo auf dem Sinai (c) Carina Tietz

Der Sinai zwischen Krieg und Tourismus
Betrachtet man den Sinai einzig von seiner touristischen Seite, dann entdeckt man das Paradies auf Erden. Wer einmal über den Sinai gereist ist, kommt nie mehr davon los. Kupferrote Bergspitzen erheben sich bizarr aus dem Wüstensand. Über Schotterpisten erreicht man abgelegene Beduinensiedlungen, die uns in die Welt aus tausend und einer Nacht entführen. Hinter eindrucksvollen Korallenriffen und einzigartigen Mangrovenwälder verbirgt sich eine unbeschreibliche Tier- und Pflanzenwelt. Ein Sonnenaufgang am Berg Moses bleibt genauso unvergesslich wie ein Tauchgang am Blue Hole. Mir werden die Erlebnisse am Sinai immer in Erinnerung bleiben, denn sie sitzen tief. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir Demokratie und Frieden für die gesamte Region wünschen. Ich möchte einmal ohne Fahrer, mit einem Mietwagen quer über den Sinai und weiter über Israel nach Jordanien fahren. Ich möchte mich gefahrlos bewegen und die Grenzen ohne demokratischen Aufwand passieren können. Mein Wunsch scheint mir heute unerreichbar zu sein, aber 1987 hätte auch niemand geglaubt, dass die Mauer fällt!

Freundliche Menschen überall auf dem Sinai (c) Carina Tietz
Freundliche Menschen überall auf dem Sinai (c) Carina Tietz

Dahab und Nabq mehr als nur Taucherparadiese
Denkt man an Dahab, dann fällt einem spontan das Blue Hole ein. Das Blue Hole ist eine Art blaues Loch, das von Korallenriffen umgeben ist. Doch Dahab ist weit mehr als ein Taucherparadies. Unbeschreiblich schön sind die Strände. Sie schimmern im Sonnenlicht golden und gaben der Stadt ihren Namen, denn Dahab bedeutet übersetzt Gold. In Dahab erlebt man noch die Anfänge des Sinai-Tourismus. Die Beduinenstadt wurde einst von Israelis errichtet. Schon früh strandeten hier die ersten Hippies. Bis heute gilt Dahab als Anlaufstation für Rucksacktouristen. Interessante Leute aus aller Welt trifft man in den „Low-Budget-Camps“. Hier schläft man in Hütten und sitzt abends in Zelten zusammen und gibt sich der Schönheit dieser Landschaft hin. In Dahab braucht man keine All-inklusive Hotels mit üppigen Buffets und Animation. Hier isst man Ful oder Falafel in typisch ägyptischen Imbissen und trinkt den berühmten Kardamom-Kaffee.
Auch Nabq hat trotz der Nähe zu Sharm el Sheikh seine Ursprünglichkeit behalten. Der Ort ist ein idealer Ausgangspunkt für Ausflüge auf dem Sinai. Die Küste steht unter Naturschutz und das Gebiet um Nabq herum ist als Nationalpark ausgewiesen. Nabq ist ein ruhiger Küstenort, in dem viele Beduinen leben. In den letzten Jahren sind aber entlang der Küstenstraße viele Hotelanlagen entstanden, die zum Teil nur über Privatstraßen erreichbar sind. Vom Sandstrand aus führen Holzstege ins Meer. Die Basare laden zum Bummeln ein.
Das Highlight von Nabq ist der Mangrovenwald. Er ist der größte seiner Art auf der Sinai-Halbinsel. Vor der Küste in den Korallenriffen ragt noch zum Teil das Wrack der Maria Schröder hinaus, die hier im Jahre 1965 sank.



Taucherboote am Sinai (c) Carina Tietz
Taucherboote am Sinai (c) Carina Tietz

Abu Gallum Nationalpark
Wer die unberührte Natur des Sinais kennenlernen möchte ist im Abu Gallum Nationalpark richtig. Der gesamte Park ist ein ausgewiesenes Naturschutzgebiet mit einer Größe von 400 Quadratkilometern. Von Dahab sind es nur 15 Kilometer bis Abu Gallum. Ab dem Blue Hole, nördlich von Dahab, verkehrt regelmäßig eine Kamelkarawane durch den Park. Alternativ kann man ihn natürlich auch durchwandern. Es gibt feste Routen und Wege, die nicht verlassen werden dürfen. Die Kamelkarawane wird von sachkundigen Beduinen begleitet, die den Park wie ihre Westentasche kennen. In Dahab besteht auch die Möglichkeit ein Mountainbike für die Tour zu leihen.
Im Abu Gallum Park herrscht eine himmlische Ruhe. Es gibt keine Hotels und keine Restaurants. Noch nicht mal ein Café oder ein Kiosk ist vorhanden. Mitten im Park gibt es lediglich eine kleine Beduinensiedlung. Der Strand ist ein Paradies zum Schnorcheln. Selbst im flachen Wasser kann man zahlreiche Fischarten bewundern und der Flutsaum lockt mit Unmengen von Muscheln. Auch das Gebirge ist von einer faszinierenden Schönheit. Die Hügel fallen sanfter ab als am übrigen Sinai. Aus dem Boden ragen schwarze Lavasäulen hinauf, die auch unter dem Begriff „Forest of Pillars“ bekannt sind. Die Säulen sind versteinert und von unterschiedlicher Größe. Es sieht aus, als würden sie aus dem Berg hinaus wachsen und sich gegenseitig umarmen. Eine Kuriosität, die man gesehen haben muss!



Einsame Straßen auf dem Sinai (c) Carina Tietz
Einsame Straßen auf dem Sinai (c) Carina Tietz

Die berühmteste Sehenswürdigkeit auf dem Sinai: Das Katharinenkloster
Das Katharinenkloster ist die berühmteste Sehenswürdigkeit auf der Sinai-Halbinsel. Errichtet wurde das Kloster zwischen 548 und 565 auf Befehl Kaiser Justinians exakt an der Stelle, wo Moses laut der Bibel auf den brennenden Dornbusch traf. Die Stätte des brennenden Dornbusches und die Hauptkirche können besichtigt werden. Bei dem Busch handelt es sich um ein Rosengewächs mit dem Namen „Rubus Sanctus“. Trotz der religiösen Bedeutung ist die angrenzende Kapelle des Brennenden Busches ein eher bescheidener Bau.
Das Kloster ist die kleinste Diözese der Welt und das älteste noch aktive Kloster des Christentums. Benannt wurde es nach der Heiligen Katharina. Sie war eine alexandrinische Märtyrerin, die 395 getötet wurde. Angeblich wurden Ihre sterblichen Überreste fünf Jahrhunderte später auf dem Gipfel des Berges gefunden, der ebenfalls Ihren Namen trägt. Die meisten Nonnen und Mönche, die das Kloster bewohnen, stammen aus Griechenland, denn das Kloster gehört zur griechisch-orthodoxen Kirche. An griechisch-orthodoxen Feiertagen bleibt das Kloster geschlossen.
Sehenswert ist auch der umliegende St. Katharinen-Nationalpark. Er lockt mit einem Reichtum an seltenen Tieren und Pflanzen. Rund um das Kloster ist die Heimat des Sinai-Karmingimpels. Ein rosafarbender Sperling, der sogar bis ins Klosterinnere hineinfliegt. Er ist ein seltenes Exemplar, das nur noch im St. Katharinen-Nationalpark und in Palästina zu finden ist. Auf den Gipfeln des Klosters halten sich vermehrt Nubische Steinböcke auf. Der ganze Park ist die Heimat hunderter einheimischer Vogelarten und Zugvögel. Im Park halten sich auch viele Kriechtiere und Schlangen auf. Gerade am Mittag, wenn die Sonne brennt, ist der ägyptische Dornschwanz unterwegs. Mit etwas Glück kann man auch die vielen Wüstenagamen bewundern. Aber auch Tiere aus anderen Kontinenten haben hier eine Heimat gefunden: Wölfe aus Europa und Einödgimpel aus Asien.
Mit der Kobra und der Sandviper leben auch zwei Schlangenarten im Nationalpark. Darüber hinaus gibt es Skorpione und die ein oder anderen Echsen.

Rund um das Katharinenkloster
Sinai Peace Junction / Wadir Bi Nafekh
Kurz vor dem Katharinenkloster führt eine ungefähr 5 Kilometer lange Sand- und Steinpiste ins Wadir Bi Nafekh. Hier hat, sehr zum Entsetzen der Naturschützer, der belgische (Aktions-) Künstler Jean Verame seine Spuren hinterlassen. Der damalige ägyptische Präsident gab dem Künstler die Erlaubnis ein Felsengebiet mit einer Größe von 14 Quadratkilometern zu bemalen. Die Aktion war als Symbol des Friedens gedacht und verschlang über zehn Tonnen Farbe. Jean Verame nannte das Kunstwerk „Sinai Peace Junction“, das auch den Beinamen „Blaue Berge“ trägt.


Wadi Feiran / Oase Feiran
Vom Mosesberg erreicht man über den Watia-Pass den Wadi Feiran und die Oase Feiran. Sie ist die bedeutendste Oase des Sinai und gilt als biblisches Refidim, an dem Moses mit dem Stab Wasser aus dem Felsen schlug. Später kämpften hier Israeliten gegen Amalekiter. Zahlreiche Ausgrabungen belegen eine frühe christliche Besiedlung. Die Oase Feiran liegt am Fuße des Serbal Massivs und in der engsten Stelle des Wadi Feiran. Sie soll Raphidim gewesen sein, die letzte Etappe der Hebräer vor dem Berg Sinai während des Auszuges aus Ägypten. Bevor das Katharinenkloster entstand, war die Oase Feirum eine religiöse Anlaufstätte, in der im Jahre 400 ein Bistum gegründet wurde. Auf einem Hügel unmittelbar im Zentrum der Oase findet man noch die Ruinen eines Klosters und einer Kirche. In Feiran leben einige hundert Menschen, die von der Viehzucht und den Anbau von Früchten, Datteln und Getreide leben.

Strände auf dem Sinai (c) Carina Tietz
Strände auf dem Sinai (c) Carina Tietz

Wadi Mukattab (Mokattib)
Nördlich der Oase, bevor die Straße zur Küste hinunter führt, liegt in 10 Kilometer Entfernung Wadi Mukattab. Wadi Mukattab trägt auch den Beinamen „Das Tal der Inschriften“. Zu sehen gibt es einige antike Graffitis, die noch aus der Zeit der Nabatäer (2. Bis 3. Jahrhundert v. Chr.). Die älteste Inschrift in Wadi Mukattab soll nach Einschätzungen von Forschern schon 2600 Jahre vor Christus entstanden sein. Sie soll von Pharao Sechemchet stammen, der mit der Zeichnung seinen siegreichen Kampf gegen Räuber und Wegelagerer dokumentierte.

Serabit el-Khadim
Nordwestlich der Oase von Feiran liegt Serabit el-Khadim mit seinem berühmten Tempel. Der Tempel stammt nach Schätzungen von Archäologen aus der Zeit des Mittleren Reiches. Die Stelen des Tempels sind der Hathor und den Herrschern des Niltales geweiht. Hathor ist die Göttin der Türkise.

Der Berg Moses (Gebel Musa)
Der Berg Moses gehört zu den geschichtsreichen Orten auf dem Sinai. Hier soll Moses die Gesetztafeln mit den 10 Geboten von Jahwe, dem Gott der Hebräer, erhalten haben. Der Berg ragt südlich des Katharinenklosters 2285 Meter empor.
Der Aufstieg zum Gipfel ist anstrengend und nur für geübte Wanderer zu empfehlen. Grundsätzlich sollte man den Berg nur in Begleitung eines Guides besteigen. Der Aufstieg dauert für sportliche Menschen mindestens 2 ½ Stunden. Ungeübte brauchen deutlich länger. Die meisten Wanderer besteigen den Gipfel in der Nacht über den Anstieg El Bashait. Diese Strecke kann man auch auf den Rücken eines Kamels bewältigen. Die letzten 750 Stufen zum Gipfel erreicht man nur zu Fuß.
Es gibt auch eine kürzere Route (Siket Sayidna Musa) „der Weg des Moses“, die aber sehr steil hinaufgeht. Sie führt über eine Pilgertreppe mit 3750 Stufen.
Wer den Berg tagsüber besteigt, sollte genügend Getränke mitnehmen. Die Sonne scheint hier gnadenlos vom Himmel.

Bizarre Felsen auf dem Sinai (c) Carina Tietz
Bizarre Felsen auf dem Sinai (c) Carina Tietz

Ras Mohammed Nationalpark: Die Sehenswürdigkeit im Süden
An der Südspitze des Sinai liegt der Ras Mohammed Nationalpark. Pauschaltouristen fahren meistens mit dem Tauchboot direkt ab der Naama Bay über dem Wasserweg zum Nationalpark. Man kann den Park aber auch alternativ über den Landweg mit dem Mietwagen oder mit einem Taxi erreichen. Im Park gibt es eine Tauchstation (in Höhe der Bucht) und ein Besucherzentrum. Hier kann man sich einen Film ansehen und Broschüren über den Park erhalten.
Der Ras Mohammed war der erste Nationalpark Ägyptens, der im Jahre 1991 entstand. Die damalige EG griff Ägypten finanziell bei der Umsetzung unter die Arme. Früher war der Park an der Spitze des Süd-Sinai von strategischer Bedeutung und war viele Jahre militärisches Sperrgebiet. Damals patrouillierten hier Marineschiffe. Vor der Südspitze liegen viele Schiffswracks, die bei Angriffen versenkt wurden.
Heute gibt es weit über 150 Kilometer markierte Wege und Pfade. Der Park hat eine Gesamtgröße von 480 qkm. Er wird von Rangern überwacht. Am Küstensaum existieren ca. 150 verschiedene Korallenarten. Zu den Meeresbewohnern zählen Meeresschildkröten, Delphine und Haie. An Land streifen Füchse und Nagetiere durch das Gebiet. Zudem ist der Ras Mohammed Nationalpark ein Rückzugort vieler seltener Vogelarten.
Der Begriff Ras bedeutet übersetzt so viel wie Kap. Die Mangroven am Kap sind übrigens die nördlichsten in dieser Hemisphäre.

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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