Große Hilfsbereitschaft und ein halbwegs normaler Alltag im Hochwassergebiet

Nein, der Castor rollt nicht. Trotzdem hat es der Landkreis Lüchow Dannenberg in die internationalen Nachrichten geschafft. Doch der Anlass ist beunruhigend. Von überall her erreichen uns Nachrichten. Verwandte aus den USA haben sich über Facebook gemeldet. Freunde aus Dänemark rufen uns dreimal am Tag an. Kollegen aus Regensburg bieten ihre Hilfe an. Immer sind es dieselben Fragen: „Was können wir für euch tun? Wie können wir helfen? Wie ist die Lage?“

Die Lage ist irreal. Es ist 6 Uhr früh. Ich sitze auf der Terrasse und genieße meine Kaffee. Ein Kuckuck ruft, Frösche quaken und über mir dreht ein Storch seine Runden. Die alte Eisenbahnbrücke strahlt in der Morgensonne. Kaltenhof ist ein Idyll und momentan kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass hier bald eine Katastrophe hereinbrechen soll.

Den ganzen Tag bringen Helfer Sandsäcke zum Deich (c) Carina Tietz
Den ganzen Tag bringen Helfer Sandsäcke zum Deich (c) Carina Tietz

Vorne an der Kreisstraße sind dann doch die ersten Vorboten zu spüren. THW, Polizei und Feuerwehr sind mit Einsatzfahrzeugen unterwegs. Folgt man ihnen in Richtung Dömitzer Brücke ist man mittendrin in den Vorbereitungen. Hier sind die Fernsehbilder allgegenwärtig, die uns seit Tagen aus Dresden und Magdeburg erreichen. Soldaten marschieren am Deich entlang. Die Dömitzer Brücke wird kurz gesperrt. Aus dem Osten rücken Fahrzeugkolonnen der Feuerwehr an. Die Autofahrer nehmen es gelassen und üben sich in Geduld. „Wir sind froh, dass die Helfer hier sind“, sagt ein Rentner, der seine Schwester in Dömitz besuchen will. Ein Handwerker aus Uelzen muss einen Auftrag  in Lübtheen  erfüllen. Aber auch er hat Verständnis: „Die Leute an der Elbe brauchen Hilfe. Das hat Vorrang. Ich muss Fenster ausbessern. Das kann ich auch später noch erledigen.“. Die Solidarität der Menschen tut gut.

 

Der Storch in Kaltenhof bleibt gelassen (c) Carina Tietz
Der Storch in Kaltenhof bleibt gelassen (c) Carina Tietz

Auch der vergangene Tag war von unterschiedlichen Eindrücken geprägt. Wie alle berufstätigen Frauen kämpfe ich mit den Folgen der Schulausfälle. Der Kleine besucht die Schule zwar noch, aber von Kaltenhof gibt es keinen Busverkehr mehr. Die Omas und Tanten sind hunderte Kilometer entfernt. Ich muss improvisieren! Eine Freundin aus Dannenberg ruft an. Sie hat das gleiche Problem: „Ich musste Oma um 7 Uhr aus dem Bett klingeln. Zum Glück konnte ich die Jungs unterbringen.“ Aber das sind alles kleine und lösbare Probleme.

Am Nachmittag ruft meine Mutter aus dem Rheinland an. Sie erkundigt sich nach der Lage. Ich bin in Eile. Der Kleine hat ein Fußballspiel in Hitzacker.  Meine Mutter fällt aus allen Wolken: „In Hitzacker? Der Ort wird doch evakuiert. Dann spielen die noch Fußball?“ Ja, die spielen noch Fußball und ich finde es gut. Wir sollten nicht schon Tage vorher hysterisch werden und verrückt spielen. Die Lage ist unter Kontrolle. Alles Weitere ergibt sich.

Die Fahrt nach Hitzacker wird eine Herausforderung. Die Elbuferstraße und auch die alternative Verbindung Richtung Damnatz ist gesperrt. Uns bleibt nur die Fahrt über Dannenberg. Das Verkehrsaufkommen ist groß. Wir brauchen fast eine Stunde nach Hitzacker. Hier ist die Lage noch relativ ruhig. Viele Mannschaftskameraden meines Sohnes fehlen. Trotzdem findet das Fußballspiel statt. Auch wenn der MTV am Ende mit 7:6 verliert, war es eine willkommene Abwechslung! Für einen Moment hat man die Hochwassersorgen vergessen. Auch hier ist die Hilfsbereitschaft groß: „Wenn Ihr Hilfe braucht, dann ruft an. Wir kommen sofort! Ihr könnt auch Sachen und Möbel bei uns unterstellen. Wir haben auch einen Hänger!“ Ich bin überwältig!

Die Elbe kommt näher (c) Carina Tietz
Die Elbe kommt näher (c) Carina Tietz

 

 

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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