Ich habe von Weihnachten genug!

Der Rückblick auf Dezember 2011

Ich bin mit meinem Sohn auf dem Weg nach Hause und will noch schnell Milch im Discounter kaufen. Der Parkplatz ist voll, randvoll. „Oh, Mama! Du willst doch da jetzt nicht rein gehen. Da ist es voll. Die drehen doch jetzt schon durch, weil bald Weihnachten ist“. Die Stimme von hinten klingt verzweifelt und flehend. Ich mache meinen Sohn darauf aufmerksam, dass er dann morgen früh sein Müsli ohne Milch essen muss. Aber das ist ihm egal. „Dann esse ich halt ein Brot.“ Das klingt überzeugend.

Alle backen Plätzchen. Ich habe auf diese klebrige und mehlige Angelegenheit eigentlich keine Lust. Aber es ist bald Weihnachten. Eine Mutter muss doch Plätzchen backen. Die Begeisterung bei meinen Söhnen hält sich mehr als in Grenzen. „Oh, nee, nicht schon wieder. Da habe ich jetzt echt keine Lust zu. Da kommt auch gleich die Sportschau“, ruft der Große aus dem Wohnzimmer. Der Kleine lehnt sich lustlos an die Küchentür und fragt mich, warum wir die Plätzchen denn nicht einfach im Supermarkt kaufen.

Der Weihnachtsmarkt ist eröffnet. Will ich mich wirklich durch die Menschenmassen drängen und mich von mit Glühwein berauschten Weihnachtsmännern blöd anquatschen lassen? Muss ich stundenlang einen Parkplatz suchen, um dann von Fett durchnässte Reibekuchen zu essen und alt modischen Weihnachtspyramiden zuzusehen, die sowieso nicht zu meiner Einrichtung passen? Brauch ich das alles, nur weil bald Weihnachten ist? Auch hier haben meine Kinder eine eindeutige Meinung. „Warum sollen wir dahin gehen? Du schaust dann ständig auf Deine Handtasche, damit Dir niemand das Portemonnaie klaut. Reibekuchen? Wir können doch auch was beim Türken holen! Für das Karussell sind wir doch eh viel zu groß. Dann das Gedränge! Nein, wir möchten da gar nicht hin“. Ihre Argumente sind eindeutig und im Endeffekt ist jeder froh, dass wir uns diesen Trubel ersparen.

Der erste Advent steht vor der Türe. Überall werden die Häuser geschmückt. Mein Mann ist völlig genervt und kämpft sich durch die beiden Garagen und dann später durch den Dachboden. Wo ist bloß dieser beleuchtete Weihnachtsmann geblieben? Der Große brüllt aus dem Kinderzimmer heraus: „Diese Saugnäpfe halten doch sowieso nicht! Muss ich denn wirklich so eine blöde Lichterkette aufhängen?“ Der Kleine steht jammernd im Flur: „Der Nikolaus ist kaputt, der leuchtet nicht mehr.“ Drei Stunden später! Der Weihnachtsmann wurde in der letzten Ecke auf dem Dachboden gefunden. Jetzt heißt es Kabel verlegen. Der Nachbar winkt herüber und schaut stolz auf seinen beleuchteten Rentierschlitten. Der Kleine stellt dann die passende Frage: „Warum müssen wir den Weihnachtsmann eigentlich aufstellen?“ Ja, das ist eine sehr gute Frage. Wir brauchen diesen Klimbim nicht. Wir haben es einfach nur für die Jungs getan. Aber die wollen es nicht. Sind wir eine Ausnahme? Nein, so geht es bei vielen Familien zu.

Weihnachten naht. Es gibt keinen freien Flug mehr! Zu lange gewartet mit der Buchung. Also 1000 Kilometer mit dem Auto unterwegs zur Familie! Verschneite Straße und bis unter das Dach vollgepackt mit Geschenken. Oma freut sich und hat Berge von Süßigkeiten für die Kinder gekauft. Weihnachten ist das Fest der Familie. Ein Hotel kommt nicht in Frage, aber nach zwei Nächten auf Omas Sofa, sehnt man sich nach einem Hotelbett. Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber jeder hat heute schon mindestens einmal seinem Unmut freien Lauf gelassen.

Dann ist der Heilige Abend endlich da. Die ganze Familie sitzt zusammen. Diesmal ist mein Bruder der Dumme, denn er richtet das Fest aus. Kuchen backen, Fleisch in den Ofen, Rosenkohl pellen, Kartoffeln schälen, Baum schmücken, Stühle rutschen, und so weiter und so weiter.

Die Begeisterung bei den Geschenken hält sich in Grenzen. Mein Mann und ich schenken uns nichts. Das ist uns einfach zu kitschig. Meine Schwägerin bekommt einen weißen Wollschal. Sie kann Wolle nicht ausstehen und findet die Farbe Weiß altmodisch. Ich bekomme eine CD mit deutschen Schlagern geschenkt. Die schenke ich Oma am nächsten Tag, denn ich mag keine Schlager. Mein Mann ist in Sachen Rasierwasser sehr anspruchsvoll und kann sich über das Wässerchen eines Drogerie-Discounters nicht so richtig freuen. Trotz allem bedanken sich jeder mit Begeisterung bei dem Anderen. Es ist doch Weihnachten!

Drei Tage Fress-Marathon. Am Ende hat jeder mindestens ein Kilo zugenommen. Ich bin seit zwölf Jahren Vegetarier. Aber an Weihnachten scheint das auch nicht wirklich jemanden zu interessieren. Weihnachten ohne Pute, ohne Karpfen und ohne Sauerbraten? Das geht gar nicht. Ich suche verzweifelt nach Alternativen. Wer hat bloß den Schinken in den Rosenkohl geschnitten? Muss denn jeder Salat Hähnchenfiletstreifen enthalten? Die Böhnchen schmecken auch ohne Speckmantel, aber wem sage ich das?

Endlich! 27. Dezember! Wir haben es mal wieder überstanden. Alle sind ausgelaugt. 17 Stunden Autofahrt mit Eis und Schnee, dann sind wir wieder zu Hause. Jetzt braucht jeder erst mal Zeit für sich.

Weihnachten 2012

Ich habe schon im August Magenschmerzen, wenn ich nur an Weihnachten denke. Dieses Jahr soll alles anders werden. Diesmal werde ich mich nicht diesem Konsumterror und diesem Familienstress aussetzen! Dieses Jahr nicht!

Im Juli bekommen wir den ersten Anruf: „Was ist mit Weihnachten? Wo feiern wir dieses Jahr?“ Es sind 30°C, Hochsommer in Deutschland. Wie kann man jetzt nur schon an Weihnachten denken? Das flaue Gefühl im Magen wieder da. Aber jetzt ist Schluss. Gemeinsam mit unseren Kindern, beschließen wir Weihnachten dieses Jahr nicht zu feiern. Am 23. Dezember werden wir auf die AIDA gehen, im Roten Meer schnorcheln und bei warmen Temperaturen mitleidig an unsere Lieben daheim denken. Die Kinder sind mehr als begeistert. Machen sogar den Vorschlag in diesem Jahr auf Geschenke zu verzichten!

Aber was machen wir bis zum 23. Dezember? Der Weihnachtsmann bleibt dieses Jahr auf dem Dachboden. Wir haben keinen Adventskranz. Wieso auch? Bei uns brennen in der dunklen Jahreszeit eh immer die Kerzen. Unser Haus ist zwar keine weihnachtsfreie Zone, aber alles ist auf ein Minimum beschränkt. Am Fenster haben die Jungs Schneeflocken aufgeklebt. Der Kleine hat einen beleuchteten Schlitten im Zimmer hängen. Wir haben die übliche zeitlose Winterdeko. Aber die hatten wir schon Mitte November und wir werden sie auch noch bis Mitte Februar behalten. Nikolaus und Tannenbäume sucht man vergebens. Diese Ruhe ist geradezu himmlisch. Wir backen keine Plätzchen! Wir basteln keine Strohsterne! Stattdessen spielen wir Monopoly, schaffen es in diesem Jahr ganz easy zum Fußballhallenturnier unserer Jungs und sehen unseren Nachbarn mitleidig an, als er zum dritten Mal vergeblich versucht den Rentierschlitten auf dem Garagendach zu befestigen. Wir müssen uns keine Gedanken über das Essen und die Geschenke machen. Dafür haben wir endlich Zeit zum Lesen. Der Kleine steht im Sportladen zwischen Skiern und Schneeanzügen und probiert mit Begeisterung seine Schnorchel-Ausrüstung, die der Verkäufer erst im Lager suchen musste. Der Große hat die neue Badehose lieber gleich bei EBay bestellt. Begründung: „Dann muss ich nicht den durchgeknallten Weihnachtsfanatikern begegnen.“

 In diesem Sinne! Frohe Weihnachten!

Wie denkt Ihr darüber? Feiert Ihr Weihnachten? Schickt mir Eure Geschichten! Sagt mir Eure Meinung! Ich bin gespannt!

 

 

 

 

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

One thought on “Ich habe von Weihnachten genug!

  • 17. Dezember 2012 at 10:26
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    schön, wenn man das so umsetzen kann. Meine Kinder würden mich lynchen, wenn es kein Fest gäbe!!!! Mein Mann würde vermutlich die Scheidung einreichen lol und meine Schwiegermutter müsste mit einem Nervenzusammenbruch in ein Krankenhaus!
    Schöne Reise
    Maria

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