Lockerbie: 31 Jahre nach dem Anschlag auf PA 103

Der Himmel ist bewölkt. Leichter Nebel liegt über den Hügeln von Tundergarth. Inmitten der Felder steht eine kleine Kirche. Sie ist umgeben von einem Friedhof. Es gibt ein paar frische Gräber, aber die meisten Grabsteine sind alt und ihre Inschrift ist ausgebleicht. Das Sterbedatum lässt erkennen, dass sie hier schon seit vielen Jahrzehnten stehen. Die ganze Landschaft erinnert an die Kulisse eines Edgar-Wallace- oder Alfred-Hitchcock-Filmes. Alles ist mystisch. Auch nach 31 Jahren verkörpert diese Gegend im Süden von Schottland den Tod. Der fiel in Sekunden vom Himmel und es hat den Anschein, als hätte er sich seither hier breit gemacht.

Lockerbie: 31 Jahre danach (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Traurige Momente in Tundergarth

Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Es beginnt zu regnen. Ein leichter Nieselregen macht die Landschaft noch unnahbarer. Nur das Tropfen des Regens ist zu hören. Ich gehe zu dem Friedhof herüber und schaue mich um. Mein Blick schweift über die Hügel. Seit 31 Jahren ist mir diese Landschaft vertraut und doch ist sie mir fremd. Seit 31 Jahren recherchiere ich in der schlimmsten Lüge der Kriminalgeschichte und es klingt so irreal, dass auch hier Wallace oder Christie ihre Finger hätten im Spiel haben können.

Ich öffne das Friedhofstor. Es macht seltsame Geräusche. Es ist ein Quietschen, das wie ein Aufschrei klingt. Geradeso, als hätten die Toten mit mir kommuniziert. Obwohl ich sie zu Lebzeiten nie kennengelernt habe, kenne ich sie alle. Ich habe ihre Bilder im Kopf.  Mein erster Weg führt mich zum Grabstein von Helga Mosey, geboren im September 1969.

Der Grabstein von Helga Mosey (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Sie wäre heute in meinem Alter gewesen. Nur ein paar Meter von hier fand man im Dezember 1988 ihre Leiche. Die Engländerin arbeitete als Kindermädchen in den USA. Sie hatte ihre Eltern in den Midlands besucht, um einen Musikpreis ihrer Schule entgegen zunehmen. Am Abend des 21. Dezember 1988 bestieg sie ein Flugzeug am Flughafen in London Heathrow. Nichtahnend, dass ihre Reise und ihr Leben nur 25 Minuten später hier im schottischen Hügelland in Dumfriesshire endete. Sie fiel einfach vom Himmel. Ihre Eltern John und Lisa Mosey bekamen die Uhr ihrer Tochter zurück. Sie war völlig intakt und lief noch zwei Jahre nach ihrem Tod weiter.

Ich schaue vom Friedhof auf die grüne Weide herüber. Vereinzelt sind ein paar Schafe zu sehen. Einige fressen! Dass sie das Gras überhaupt wieder anrühren, grenzt schon fast an ein Wunder. Als die Farmer ihre Schafe im Frühjahr 1989 auf die Weiden in Tundergarth brachten, da rührten sie das Gras nicht an. Glaubt man den Erzählungen einiger Farmer, dann standen sie in einer Ecke versammelt, schon fast zusammengekauert und blickten verunsichert. Einige Tiere blökten Tag und Nacht. Ihr Blöken war schon fast eine Art Schreien. Ein Farmer sagte mir einmal, dass er den Tieren damals in die Augen schaute. Da habe er gesehen, dass sie weinten. Die saftig grünen Wiesen glichen im Dezember 1988 einem Schlachtfeld. Überall lagen Leichen, Koffer, Bekleidung und Flugzeugtrümmer.

Ein Bild stellvertretend für den Anschlag auf PA 103

Ich schließe die Augen und in Gedanke sehe ich das Bild vor mir, das im Dezember 1988 um die Welt ging und für immer stellvertretend für diesen verheerenden Terroranschlag stehen wird. Es entstand hier, nur wenige Meter von mir entfernt. Hier lag die Nase der PAN AM 103 auf der Seite. Als sie auf dem Boden aufschlug, sollen die Lichter noch gebrannt haben und die Instrumente im Cockpit befanden sich noch immer in der Position der Reiseflughöhe. Der Pilot James Bruce MacQuarrie und sein Copilot Raymond Ronald Wagner saßen noch angeschnallt in ihren Sitzen, als man sie fand. MacQuarrie hielt noch immer das Steuer in der Hand.

(c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Ich habe zehn Boxen voller Recherchematerial und ich kenne auch die anderen Bilder. Die Bilder, die auf der Hinterseite der Nase entstanden. Der Wirrwarr von Kabeln und verdrehten Sitzen. Die Nase des Clippers Maid oft the Seas war ein Teil der First Class. Auch hier fand man Passagiere, die noch angeschnallt in ihren Sitzen saßen. Ich kenne sie alle. Ich kenne ihre Gesichter und ihre Biographien. Diese werden hier in Tundergarth lebendig. Noch immer ist alles so unfassbar. In der Ferne bellt ein Hund. Er holt mich aus meinen Gedanken zurück in das nasskalte Schottland. Ein Weg führt weiter in Richtung der Wylieholl-Farm. Inmitten der Schafs- und Rinderherden liegt ein Stein. Unscheinbar und einer unter vielen. Doch dieser markiert eine Leichenfundstelle. Hier fand man im Dezember 1988 die Überreste zweier Studentinnen.

Foto: (c) Instagramm/Manchestair

Der Regen wird heftiger. Noch dunklere Wolken ziehen am Himmel auf. Ich gehe zur Kirche herüber. Hier im Seitenflügel gibt es eine kleine Gedenkstätte, die an den Anschlag auf die PAN AM 103 erinnert. Doch die Kirche ist abgeschlossen. Vielleicht ist das ganz gut so. Sonst hätte ich wieder stundenlang in den Kondolenzbüchern geblättert.

Die Kirche in Tundergarth, Foto: (c) Carina Tietz, carina-tietz,de

Rosebank Crescent: Die Straße des Todes

Ich gehe zum Auto zurück und fahre in Richtung Lockerbie. Es wird heller am Himmel und es hört auf zu regnen. Die Sonne schaut hinter den  Wolken hervor. Für einen kurzen Moment vergesse ich den 21. Dezember 1988 und gebe mich der Schönheit dieser Landschaft hin. Ein schöner Ort zum Sterben! Doch nur Sekunden später bin ich wieder in der Realität angekommen. Ich fahre von den Hügeln hinab in Richtung des Stadtzentrums. Links liegt Rosebank Crescent, eine Straße mit typisch britischen Reihenhäusern. Es ist kurz vor Mittag. Die Gegend ist wie ausgestorben. Die Bewohner sind bei der Arbeit. Eine Rentnerin geht mit ihrem Hund spazieren. Soll ich sie ansprechen? Hat sie den Anschlag erlebt? Ich mache es nicht. Bei all meinen Besuchen in Lockerbie habe ich eines gelernt: Die Menschen wollen nicht dazu befragt und nicht darauf angesprochen werden. Sie wollen vergessen.

Rosebank Crescent, 31 Jahre später (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem älteren Herrn an der Gedenkstätte Garden of Remembrance vor zwei Jahren. Wir setzten uns gemeinsam auf eine Bank inmitten der Gedenktafeln und betrachteten sie. Er fand, dass sie alle noch viel zu jung waren um zu sterben. Ich musste ihn gar nicht fragen. Er begann einfach zu reden. Erst leise und sanft und dann wie ein Schwall. Ich erfuhr von den psychisch kranken Menschen, von den Alkoholikern und von den suizidgefährdeten Bewohnern Lockerbies, die nach dem Anschlag zur Realität wurden. Ich erfuhr von traumatisierten Kindern, dessen Mitschüler in den Trümmern verbrannten und dessen Überreste nie gefunden wurden. Er erzählte mir von den Menschen, die ihren Heimatort einfach verlassen hatten, weil sie inmitten der Todesstadt nicht weiterleben konnten. Ich kannte die ganzen Geschichten. Aber sie zu lesen, war etwas völlig anderes. Er erzählte sie mir und ich musste nur in seine Augen schauen, um zu verstehen, dass ich nie verstehen konnte und nie verstehen werde. Niemand, der es nicht erlebt hat, würde jemals dieses Leid nachvollziehen können.

Foto: (c) youtube / Manchester Planes

Die Seniorin mit ihrem Hund geht wortlos an mir vorbei. Ich gehe weiter die Straße entlang. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Meine Beine sind wabbelig wie Pudding. Ich bin diese Straße so oft entlang gegangen und jedes Mal werden die Bilder lebendig. Ich schaffe es kaum aufrecht zu schauen. Dann tue ich es doch. Hier in diesem Hinterhof endete das Leben vieler Studenten der Syracuse-Universität. Sie fielen einfach vom Himmel und mit ihnen das Fahrwerk, das über den Dächern der Häuser im Rosebank Crescent hinweg rollte. Manche Passagiere fand man noch angeschnallt in ihren Sitzen. Andere hatte es die Kleider vom Leib gerissen. Einige lagen friedlich auf der Straße oder lehnten über Zäune und Mauern. Dort hinten lagen eine ganze Fensterreihe und eine Flugzeugtüre. Heute erinnert nur noch die Gedenktafel daran. Sie ist schlicht und kann nicht ansatzweise erzählen, welches Grauen hier in den frühen Abendstunden des 21. Dezembers 1988 seinen Anfang nahm.

Blick auf Lockerbie, Foto: (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Ich brauche ein wenig Abstand und fahre zum Tesco-Supermarkt. Zeit für einen Kaffee! Doch auch hier sind die Bilder wieder da. Der Supermarkt wurde neugebaut. Er liegt an der Bahnstrecke nach Glasgow und zwischen Rosebank Crescent und Sherwood Crescent. Was heute ein so friedliches und idyllisches Bild einer schottischen Kleinstadt widerspiegelt, war damals ein Ort des Todes. Der Süden der Stadt war am schlimmsten betroffen.

Sherwood Crescent: Gedanken an New York, an Paris und an Amsterdam

Ich denke nicht weiter nach. Ich gehe zum Wagen zurück und fahre gezielt in das Wohngebiet am Sherwood Crescent.  Dann parke ich meinen Wagen vor einer grünen Hecke. Dahinter standen einst gemütliche Einfamilienhäuser inmitten einer Kleinstadtidylle. Binnen von Sekunden wurden sie dem Erdboden gleich gemacht und verschwanden samt ihren Bewohnern in einem tiefen Krater. Nichts mehr blieb von ihnen übrig bis auf ein künstliches Hüftgelenk, das freiwillige Helfer in den pulverisierten Trümmern am Sherwood Crescent fanden.  

Lockerbie, Sherwood Crescent, Foto: (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Schritt für Schritt gehe ich sanft über den aufgeweichten Boden. Hier wohnten am Morgen des 21. Dezembers 1988 noch glückliche Menschen, die sich auf das Weihnachtsfest freuten. Ihre Leichen hat man nie gefunden. Schlicht ist der Gedenkstein. Dahinter steht verlassen eine Bank, die von Sträuchern und Hecken umgeben ist. Ich lasse mich nieder. Wie bei jedem Besuch gehen mir seltsame Gedanken durch den Kopf. Ich erinnere mich an andere Gedenkstätten. Als ich das erste Mal in Bijlmermeer war, da konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass eine 747 in einen der Wohnblöcke gestürzt war. Alles war weit weg. Auch die Gedenkstätte der abgestürzten Turkish Airlines in der Nähe der Polderbaan in Amsterdam löste bei Weitem nicht die Gefühle aus, die ich hier in Lockerbie empfinde. Die Gedenkstätte des Concorde-Absturzes in Paris ist nur bedingt für die Öffentlichkeit zugänglich. Vielleicht fehlt mir gerade deshalb der Zugang zu den Geschehnissen.

Lockerbie, Gedenkstätte PA 103, Sherwood Crescent, Foto: Carina Tietz, carina-tietz.de

Fast eine halbe Stunde habe ich auf der Bank gesessen. Ich kann mir nicht erklären, warum Lockerbie in mir andere Gefühle auslöst, obwohl ich in keiner Weise von dem Absturz persönlich betroffen war. Natürlich denke ich auch beim Besuch der anderen Gedenkstätten über die Geschehnisse nach, aber ich lasse sie nicht an mich heran. Als ich einige Monate nach dem 11. September in New York war, da empfand ich beim Besuch von Ground Zero eine seltsame Leere. Es war alles irreal. Das WTC war weg und an den Absperrzäunen hingen persönliche Botschaften, Fotos von Vermissten, amerikanische Fahnen und Beileidsbekundungen. Natürlich nahm mich das Ganze mit. Natürlich war ich betroffen, aber als ich drei Tage später wieder im Flieger nach Frankfurt saß, da blieben diese Gefühle in New York. Ich nahm nur die Bilder mit! Nicht mehr und nicht weniger!

Lockerbie, Gedenkstätte PA 103, Foto: (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

Hoffen auf die späte Gerechtigkeit für Megrahi

Ich schleiche schon fast zum Auto zurück. Ob ich es je schaffen werde Abstand zu gewinnen? Ob als Arzt, Polizist oder Journalist. Du darfst diese Bilder nie mit nach Hause nehmen. Du musst sie ablegen. Ich habe es immer geschafft meine Arbeit außen vorzulassen! Bei den beiden entführten und ermordeten Kindern im Aachener Raum, bei der Verhaftung und beim Prozess des Anhaltermörders, bei dem Banküberfall, bei dem sich der Geiselnehmer in die Luft sprengte und beim Besuch von Ground Zero kurz nach dem 11. September. Doch Lockerbie war immer etwas anderes. Es war sicherlich nicht grausamer, als der Anschlag auf das World Trade Center oder die Ermordung von jungen Mädchen, die per Anhalter fuhren. Etwas Entscheidendes machte den Unterschied. Alle anderen Ereignisse bekamen durch die Verurteilung der Täter ein Gesicht. Lockerbies Gesicht war Megrahi. Doch ich konnte, wie viele Journalisten auf der Welt, wie Ermittler, wie Angehörige der Opfer, wie Flugingenieure, wie Terrorfahnder usw. nicht an seine Schuld glauben. Immer, wenn ich nach Lockerbie fahre, dann habe ich die Hoffnung im Gepäck, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Dann bin ich besessen und wünsche mir diesen einen Beweis zu finden, der Megrahis Unschuld unantastbar begründen könnte.

Lockerbie, Gedenkstätte: Garden of Remembrance, Foto: (c) Carina Tietz, carina-tietz.de

All das hat mich dazu bewegt ein Buch über den Anschlag zu schreiben. Ich bin dankbar dafür, dass ich einen Verlag gefunden habe. Die Arbeit kostet Kraft, aber sie beflügelt auch. Sie lehrt mich zu begreifen, das Recht noch lange nicht Recht ist. Sie gibt mir mit auf den Weg, dass man Ermittlern und Gerichten niemals ungefragt glauben sollte. Dank Lockerbie habe ich gelernt Dinge zu hinterfragen. Nur, weil etwas logisch und verständlich klingt, bedeutet es noch lange nicht, dass es sich so zugetragen hat. Wir sollten nie aufhören uns für Gerechtigkeit stark zu machen!

Gerechtigkeit für Abdelbaset Ali Al-Megrahi!

In diesem Sinne!

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

2 thoughts on “Lockerbie: 31 Jahre nach dem Anschlag auf PA 103

  • 22. Dezember 2019 at 08:25
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    Liebe Carina , dieser Text hat mich sehr berührt. Ich konnte an den jeweiligen Orten ,die Du beschreibst, fast deine Emotionen spüren. Ich wünsche mir für Dich ,eine Auflösung all deiner Fragen und des Falls.
    Ich drücke und grüße dich aus Deiner Heimat
    Petra

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    • 13. Januar 2020 at 04:53
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      Danke liebe Petra für die netten Worte! Ganz liebe Grüße zurück in meine alte Heimat!

      Reply

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