Warum mein Sohn Zinédine heißt oder auf den Spuren von Zinédine Zidane

Ich bin auf den Spuren von Zinédine Zidane in Marseille unterwegs. Hier im Norden im Problemviertel La Castellane hat der Weltfußballer mit kaputten Schuhen auf dem Place de la Tartane seine ersten Bälle gekickt. Viele Kilometer unterhalb am Boulevard Michelet im Stade Vélodrome lief er am 12. Juni 1998 im Trikot der französischen Mannschaft auf und besiegte das Team von Südafrika mit 3:0. Kein anderer Fußballspieler hat mich so fasziniert!



Mit Zinédine auf dem Weg nach Marseille
Die Luft ist staubig auf der Nationalstraße, irgendwo in der Nähe von Salon-de-Provence. Am Himmel dreht die Kunstflugstaffel der französischen Luftwaffe ihre Runden und färbt den Himmel in den Farben der Tricolore. Mein Sohn ist von der Flugakrobatik so begeistert, dass ich am Straßenrand anhalten muss. Er springt aus dem Wagen hinaus, holt sein Smartphone aus der Hosentasche und beginnt zu fotografieren. Er steigt eine Anhöhe hinauf um die Flieger besser sehen zu können. Es vergehen Minuten. Die Flieger befinden sich noch immer auf ihrem Kurs. Sie sind schön anzusehen, aber ich will jetzt trotzdem weiterfahren. „Zinédine, komm jetzt“, rufe ich meinem Sohn zu. „Ja, einen Moment noch“, antwortet er und klettert langsam den Hügel hinunter. Ich habe heute den Namen Zinédine bestimmt schon zehnmal gerufen. Seit mehr als zehn Jahren rufe ich ihn täglich, doch heute tue ich es viel bewusster. Mein Sohn heißt Zinédine und er ist nach dem Weltfußballer Zinédine Zidane benannt. Den Fußballer, den ich seit vielen Jahren so verehre. Es war nicht immer leicht mit der Namensgebung. Doch mein Sohn ist sehr stolz darauf, dass er diesen Namen tragen darf. Heute will ich ihm zeigen, warum er Zinédine heißt und warum Zinédine Zidane mehr als nur ein Weltfußballer ist.

Marseille La Castellane: Zidane ist in einer trostlosen Gegend aufgewachsen © Foto: Carina Tietz
Marseille La Castellane: Zidane ist in einer trostlosen Gegend aufgewachsen © Foto: Carina Tietz

La Castellane im Norden von Marseille
Wir fahren weiter auf der Nationalstraße bis Rognac und dann auf die Autobahn A7. Der Étang de Berre leuchtet blau-türkis und die Wasseroberfläche spiegelt in der Sonne. Am Horizont können wir die Flugzeuge beobachten, die am nahgelegenen Flughafen Marignane starten. Kurz vor Les Adrechts verlassen wir die Autobahn. Die Gegend wird trister und sie ist geprägt von grauen Bauten an deren Fensterenden große Satellitenschüsseln angebracht sind. Am Straßenrand und in den Parkbuchten der unansehnlichen Betonklötze parken alte und demolierte Autos. La Castellane ist in keinem Stadtplan zu finden. Auch auf den Straßenschildern kann ich La Castellane nicht ausfindig machen. Doch das Navi lenkt mich in die Straße Chemin de Bernex. Hier hat Zinédine Zidane gewohnt. Mein Sohn schaut aufgeregt und mit großen Augen aus dem Seitenfenster des Wagens. Am Kreisverkehr stauen sich die Autos und ich muss abbremsen. Die Leute starren meinen Wagen an. Es ist ein Eyecatcher, tiefergelegt und mit verbreiterten Reifen. Ein Wagen von dem die meisten Leute in dieser Gegend nur träumen können. Ich habe das nicht bedacht und will nicht arrogant wirken.

Marseille La Castellane: Hier ist Zinédine Zidane aufgewachsen © Foto: Carina Tietz
Marseille La Castellane: Hier ist Zinédine Zidane aufgewachsen © Foto: Carina Tietz

Marseille La Castellane: Hier ist Zinédine Zidane aufgewachsen
Wir erreichen die Straße Chemin de Bernex. Links und rechts befinden sich kleine Grünflächen, doch die können diese trostlose Gegend auch nicht aufwerten. Dazwischen stehen diese grauen Mehrfamilienhäuser, die hier allerdings nicht ganz so hoch sind. Am Anfang der Straße steht ein großes Hinweisschild mit der Aufschrift La Castellane. Auf Zinédine Zidane deutet nichts hin. Ich weiß nur den Straßennamen, die Hausnummer kenne ich nicht. An einem der Häuserparkplätze halte ich an, drehe die Scheibe herunter und spreche einen älteren Herrn an. Er schaut verstört auf das Nummernschild. „Aus Deutschland“, sagt er, noch bevor ich meine Frage stellen kann. Ich nicke freundlich und er kommt näher an den Wagen heran. Sein Pullover hat ein Loch und die Jogginghose, die er trägt ist dreckig. Er stützt sich auf einen Stock auf und hält sich mit der anderen Hand am geöffneten Wagenfenster fest. Seine Hände sind unsauber und seine Fingernägel ungepflegt. Spiegelt er die Gesellschaft von La Castellane wider? Er lächelt mich freundlich an. Ich sehe in sein Gesicht und erkenne, dass er arabischer Herkunft ist. Ich frage nach Zinédine Zidane. Er lächelt noch freundlicher und seine dunklen Augen glänzen. Er zeigt auf den mehrstöckigen Betonbau herüber. Wahrhaftig, ich stehe direkt vor dem Haus indem Zinédine Zidane seine Kindheit verbracht hat. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Das ist also die Gegend, die Dan Franck so eindrucksvoll beschrieben hat? Ich kenne die Erzählungen aus dem Buch genau und bin bewegt. Der Mann steht noch immer lächelnd am Auto. Ich schaue ihn wieder an und dann beginnt er zu erzählen: „Zinédine ist unser Junge und sein Fußball ist“, er hat Tränen in den Augen, drückt seine Finger zusammen, führt sie zum Mund und küsst sie. Ich frage ihn, ob er Zinédine Zidane persönlich kennt. Stumm nickt er und schließt verehrend seine Augen. Der deutsche Wagen hat Neugierige angezogen. Zwei Männer Mitte 20 nähren sich unserem Wagen. Sie begrüßen den älteren Mann und sehen mich mit finsterer Miene an. Sie sprechen arabisch miteinander. Ich kann nur das Wort Zidane verstehen. Der düstere Gesichtsausdruck verschwindet blitzartig. Freundlich lächeln sie mich an und begrüßen mich. „Zizou ist einer von uns. Hier gehört er hin, hier oben nach La Castellane! Wir sind kein Abschaum, wir sind Menschen!“ Seine Stimme wirkt fast laut und schreiend. Mein Sohn ist ausgestiegen und fotografiert mit seinem Smartphone. Die drei Männer lächeln ihn an. „Na, wie heißt Du denn?“, fragt der ältere Mann ihn. Mein Sohn sagt ganz nebenher: „Zinédine!“ Ungläubig sieht er meinen Sohn und dann mich an. Die beiden anderen Männer stehen da, als hätte sie der Blitz getroffen. Dann beginnt ein lautes Gerede. Alle durcheinander und wild gestikulierend! Ich steige aus dem Wagen aus. Der ältere Mann reicht mir die Hand und küsst mich auf die Wange. Dann flüstert er leise: „Merci!“. Die beiden Jungen fragen mich, warum ich ihn Zinédine genannt habe? Ich muss nicht lange überlegen: „Weil Zinédine Zidane für mich immer noch der beste Fußballer aller Zeiten ist. Weil es nie einen Fußballspieler gab, der so ein Ballgefühl hatte. Zinédine Zidane hat mit seinem Ball getanzt. So, als habe er Klebstoff unter seinen Schuhen gehabt. Es war nicht nur sein fußballerisches Können! Nein! Es ist auch seine Geschichte, die hier oben in La Castellane begann. Das Einwandererkind, das der Stolz aller Franzosen ist. Und noch was: Seine Bescheidenheit! Zinédine Zidane ist immer auf dem Teppich geblieben. Er hat nie vergessen, wo er herkam. Sein Heimat, die liegt hier, hier oben, im Norden von Marseille im Problemviertel von La Castellane.“ Ich habe selber Tränen in den Augen. Einer der jungen Männer kommt zu mir herüber und reicht mir die Hand. Der andere redet mit meinem Sohn, aber Zinédine versteht ihn nicht und lächelt nur. Ich steige in den Wagen zurück. Einer der Männer erklärt mir den Weg zum Place de la Tartane. Ich verabschiede mich. Die Männer winken unserem Wagen hinterher. „Hier möchte ich nicht wohnen. Hier liegt ja überall Müll! Ich kann mir nicht vorstellen, dass Zinédine Zidane hier aufgewachsen ist!“
Mein Sohn ist nachdenklich. Wieder erzähle ich ihm die Lebensgeschichte des Weltfußballers. Er kennt sie, aber begreifen kann er sie nicht!



Place de la Tartane: Hier hat Zinédine Zidane seine ersten Bälle gekickt
Ich fahre die Straße Chemin de Bernex weiter entlang. Hinter den Betonblöcken liegt der Place de la Tartane. Ich kann ihn nicht mit dem Wagen erreichen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Meinen Wagen hier abstellen? In diesem Viertel? Ich bin nur wenige Meter gefahren und halte wieder am Straßenrand. Die beiden jungen Männer sind noch in Sichtweite. Ich steige aus und rufe sie zu mir heran. Sie eilen herüber und ich frage nach einem Parkplatz. Sie haben meine Bedenken gleich erkannt, obwohl ich gar nichts gesagt habe. Es ist eben La Castellane! Der eine lotst mich zu einer Häuserfront herüber. Hier parken drei alte Renaults und ein uralter Ford Taunus. Ich fahre in eine der Lücken hinein. Sie versprechen mir, dass sie auf den Wagen aufpassen und lehnen sich an den Kofferraum. Ich habe ein ungutes Gefühl, aber ich lasse mich davon nicht abhalten. Nicht jeder in La Castellane ist ein Verbrecher! Ich nehme meinen Sohn an die Hand und bitte ihn sein Smartphone in die Hosentasche zu packen. Dann gehen wir durch einen der Häuserblöcke hindurch. Hier liegt er nun der Place de la Tartane umgeben von trostlosen Betonklötzen. Kalt wirkt sein rötlicher Asphalt. Daran ändert auch die Pinie nichts, die ein kleines Blumenbeet schmückt. Blumen sucht man in dem Beet vergebens. Dort liegen Dosen und zerschlagene Flaschen. „Mach die Augen zu“, sage ich zu meinem Sohn. Er tut es. „Mit viel Phantasie hörst Du den Ball aufschlagen und oben aus dem Fenster ruft ein arabischer Mann den kleinen Zinédine Zidane vergeblich zum Abendbrot.“ So könnte es gewesen sein! „Hör auf und lass und zurückgehen, „fordert mein Sohn. Ja, wir sollten jetzt gehen, denn den Leuten ist bereits aufgefallen, dass wir hier nicht hingehören! Wieder passiere ich den Durchgang des Häuserblockes. Mein Sohn jammert: „Mann, jetzt habe ich gar kein Foto gemacht.“ Ich nehme ihn in den Arm: „Für bewegende Erinnerungen braucht man keine Fotos! Die manifestieren sich im Kopf“. Mein Sohn lächelt. Die beiden Männer lehnen immer noch an unserem Wagen und bewachen ihn wie einen mit Gold gefüllten Tresor. Ich bedanke mich und will mich verabschieden. Der eine reicht mir wieder die Hand. Der andere nimmt mich sogar in den Arm. Dann deutet er auf das Presseschild, das umgeknickt an der Frontscheibe liegt. „Bist Du von der Presse?“, fragt er. Ich nicke. „Dann schreibe bitte, dass wir hier in la Castellane freundliche Menschen sind! Bitte denke auch an uns und nicht nur an Zinédine Zidane“, er fleht schon fast. Ich nicke, lächele und reiche ihm noch einmal die Hand. Dann lenken sie mich aus der Parkbucht hinaus. Wir winken, ich hupe und biege wieder auf die große Straße ab, die hinunter nach Marseille führt. Jetzt wollen wir uns noch das Stade Vélodrome ansehen!

Obdachlose in Marseille: Ein Zelt auf der Straße © Foto: Carina Tietz
Obdachlose in Marseille: Ein Zelt auf der Straße © Foto: Carina Tietz




Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.