Mein Zusammentreffen mit dem dänischen Ministerpräsident

Von Carina Tietz

Im November 2009 war es endlich soweit. Ich bekam eine Akkreditierung und durfte den dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen auf seiner Wahlkampftour in Jütland ein kleines Stück begleiten. Den ganzen Tag schon ist der gelernte Jurist unterwegs. Einer der letzten Termine führt den Ministerpräsident in jütländische Skive. Die Kleinstadt am Fuße des Fjords ist von der Wirtschaftskrise schwer gekennzeichnet. Ein großer Teil der Bevölkerung ist arbeitslos, doch Lars Løkke Rasmussen ist optimistisch. Er muss Wahlkampf betreiben und will Stimmen gewinnen für die Venstre Partei.

 

Lars Løkke Rasmussen (c) Carina Tietz
Lars Løkke Rasmussen (c) Carina Tietz

 

Schon eine Stunde vor Ankunft des Staatsmannes treffen die ersten Journalisten und Neugierigen am Rathaus von Skive ein. Die Aufregung ist groß, denn nur selten verirrt sich solch ein Prominenter in die jütländische Provinz. Auch Skives Bürgermeister Flemming Eskildsen ist aufgeregt. Er möchte eine gute Vorstellung abliefern.

Die ersten Sicherheitsmitarbeiter sind eingetroffen. Nach der jüngsten Terrorgefahr in Dänemark ist auch die Lage auf dem Land angespannt. Penibel wird jeder Winkel inspiziert. Die Gäste einer nahgelegenen Kneipe werden überprüft. Auch Briefkästen, Papierkörbe und Kanaldeckel werden in Augenschein genommen. Nur wenige Pressevertreter und Anhänger der Venstre-Partei sind zugelassen.

Kurz vor der Ankunft von Lars Løkke Rasmussen wird vorsichtshalber die Straße gesperrt. Passanten müssen warten und der Verkehr wird umgeleitet. Der Sicherheitsdienst ist wachsam und behält alles im Auge. Plötzlich ist die Aufregung groß. Auf der gegenüberliegenden Seite hat sich ein junger Araber positioniert. Sofort sind Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zur Stelle. Er wird zur Rede gestellt und wirkt verunsichert. Dann erfolgt eine Unterredung. Wir Journalisten müssen Abstand halten und können nicht genau verstehen was gesprochen wird. Man munkelt der Araber sei Journalist, aber einen gültigen Presseausweis kann er nicht vorweisen. Sein Rucksack wird durchsucht und auch seine Digitalkamera wird genausten unter die Lupe genommen. Er darf vor Ort bleiben, wird jedoch auf Schritt und Tritt von einem Sicherheitsmitarbeiter begleitet.

Dann die nächste Aufregung. Im Skiver Rathaus wird noch gearbeitet. Einige haben erfahren, dass der dänische Ministerpräsident zu Besuch kommt und wollen das Geschehen vom offenen Fenster aus beobachten. Zunächst tummeln sich nur einige Schaulustige an den Scheiben, doch je näher die Ankunft rückt, desto mehr Menschen drängeln sich an den Gebäudefenstern. Wahrscheinlich ist die Angst vor Scharfschützen, die die Sicherheitsdienstmitarbeiter dazu zwingt, die Rathausmitarbeiter von den Fenstern zurückzudrängen.

Von einem Kollegen des dänischen Fernsehens erfahre ich, dass Lars Løkke Rasmussen Ankunft unmittelbar bevorsteht. Unter den wenigen Journalisten herrscht Gedränge. Dann rollt ein VW-Geländewagen heran und ich mache zum ersten mal persönlich Bekanntschaft mit der „Angela Merkel Dänemarks“. Doch die beiden Politiker haben nur wenig gemeinsam.

Der in Vejle geborene Lars Løkke Rasmussen hat so gar nichts von einem Staatsmann. Er ist freundlich, wirkt locker und strahlt diese typische dänische Gelassenheit aus. Er trägt zwar ein Hemd und eine Krawatte, aber seinen Anzug hat er zu Hause gelassen. Stattdessen ist er mit einer Windjacke der Venstre-Partei bekleidet. Völlig unkompliziert und ohne jede Arroganz begrüßt er seine Parteimitglieder und schüttelt auch mit Small-Talk uns Journalisten die Hände. Ein rund um sympathischer und offener Ministerpräsident.

Unter großem Sicherheitsaufgebot betritt er gemeinsam mit dem Bürgermeister von Skive das Rathaus. Einige Beamte applaudieren. Die üblichen Geschenke werden verteilt und Lars Løkke Rasmussen macht Wahlversprechen. Er will dabei helfen die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Gemeinsam will man versuchen Arbeitnehmer und Unternehmen in und um Skive zu halten. Auch die Bildungspolitik und die Kinderbetreuung stehen zur Debatte. Dann tritt ein Bürger aus Skive an den dänischen Politiker heran. Seit der Wirtschaftskrise ist der Bauarbeiter arbeitslos. Er hat genug davon und will endlich wieder für seine Familie sorgen können. Lars Løkke Rasmussen hat ein offenes Ohr für ihn und er ist an seinen Nöten und Ängsten interessiert. Aufmunternde Worte gibt er mit auf dem Weg. Dann verlässt Lars Løkke Rasmussen samt Parteimitglieder das Skiver Rathaus.

Die größte Herausforderung wartet nun auf den Sicherheitsdienst. Der Ministerpräsident will durch Skive spazieren und mit den Bürgern ins Gespräch kommen. Die Straßen sind jedoch nur wenig bevölkert. Kaum einer interessiert sich für das politische Oberhaupt. Doch aus das nimmt Rasmussen gelassen. Am Skiver Theater warten weitere Parteifreunde. Offen geht er auf sie zu und plaudert mit ihnen. Er bewundert ein Auto, das von einer Anhängerin mit seinen Bildern und Wahlwerbung der Venstre-Partei geschmückt wurde.

Unter großem Applaus betritt er das Theater-Café. Hier wird er vor ausgewählten Gäste eine Wahlkampfrede halten. Zuvor singen weibliche Parteianhänger ein selbstkomponiertes Ständchen. Begeistert singt und klatscht Lars Løkke Rasmussen mit. Seine Rede klingt gelassen. Kämpferische Sprüche bleiben aus. Vorgeschriebene Zettel sind Fehlanzeige. Lars Løkke Rasmussen hält seine Rede frei und geht geduldig auf alle Fragen ein. Die Zeiten sind auch in Dänemark hart und seine Wahlversprechen klingen ehrlich und verhalten. Flemming Eskildsen, der Bürgermeister von Skive ist begeistert und bedankt sich. Währenddessen hat Lars Løkke Rasmussen längst an einem der Tische Platz genommen. Er trinkt Mineralwasser aus der Flasche. Wer ihn nicht kennt, würde ihn wohl nicht für einen Ministerpräsidenten halten. Nach knapp zwei Stunden Aufenthalt geht seine Wahlkampftour weiter.

Foto: (c) Carina Tietz




Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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