Oranje boven!

Heute Abend gibt es den ersten WM-Kracher zwischen den Niederlanden und Spanien. Schon jetzt wird heftig darüber diskutiert, für wen wir die Daumen drücken. Der Große ist bekennender Spanien-Fan. Ich selber habe mehr Sympathien für die Niederländer. Ich mag Robben. Er wirkt in den Interviews immer nett und freundlich. Als Fußballer hat er kein wirklich so großes Potenzial. Er hat immer denselben Trick auf Lager und ich frage mich, warum die Abwehrspieler den nicht längst durchschaut haben.

Aber auch hier sind es wieder die Erinnerungen, die meine Gefühle bestimmen. Das legendäre Finale von 1974. Ich war ein kleines Mädchen und ging einige Stunden vor dem Finale mit meinem Vater ein Eis essen. Als wir die Eisdiele verließen sah ich, wie deutsche Fans eine Ente mit niederländischem Kennzeichen samt Insassen auf die andere Straßenseite herübertrugen. Sie sangen dabei: „Ja das ist der Johann Cruyff der die ganze Nacht durchsäuft.“ Von weitem hörten wir die Sirenen eines Polizeiwagens. Mein Vater nahm mich an die Hand und wir verließen fluchtartig die Straße. Später stockte uns fast der Atem, als Johann Neeskens die Holländer in Führung brachte. Es ging am Ende alles gut aus und Deutschland wurde Dank der Tore von Paul Breitner und Gerd Müller Weltmeister.

Häuser in Kerkrade / Niederlande bei der WM 2010  Foto: © Carina Tietz
Häuser in Kerkrade / Niederlande bei der WM 2010 Foto: © Carina Tietz

Ebenso unvergesslich bleibt wohl auch das Achtelfinale 1990. Es gehört für mich zu den emotionalsten Fußballmomenten, die ich je erlebt habe. Wir schauten gemeinsam mit Freunden nur wenige Minuten von der Grenze entfernt. Schon den ganzen Tag über hatte es vereinzelte Ausschreitungen gegeben. Polizisten aus ganz Nordrhein Westfalen sicherten die Grenze. Das ganze Gebiet war weiträumig abgesperrt. Überall waren Straßensperren aufgebaut. Nur wer sich ausweisen konnte und nachweislich in der Grenznähe wohnte, durfte die Sperren passieren. Wir hörten immer wieder Hupen und Fanfaren. Im Garten qualmten die Grills und die Bierkästen hatten wir in ein Planschbecken gestellt. Es sehe die Szene noch immer vor mir. An der Regenrinne wehte die Deutschlandfahne. Der ganze Ort hatte an diesem Abend nur einen einzigen Wunsch: Die Niederlande zu schlagen und ins Viertelfinale einzuziehen. Manche hatten einen richtigen Hass auf das Team von Oranje! Jürgen Klinsmann war wie hypnotisiert und machte das Spiel seines Lebens, nachdem Rudi Völler und Frank Rijkaard vom Platz flogen. Deutschland gewann mit 2:1. Ich war so wütend über die Niederländer! Die Bild titelte: „Bespuckt, betrogen und trotzdem gesiegt“. Wir kopierten den Spruch und klebten ihn auf die Rückscheibe des Autos. Zigmal wurden wir von Holländern darauf angesprochen und die Reaktion war immer gleich: Sie schämten sich dafür, was Rijkaard gemacht hatte.

Häuser in Kerkrade / Niederlande bei der WM 2010  Foto: © Carina Tietz
Häuser in Kerkrade / Niederlande bei der WM 2010 Foto: © Carina Tietz

Ich werde heute Abend den Holländern die Daumen drücken. Ich glaube zwar, dass ihre Chancen sehr gering sind, aber es ist faszinierend, wie diese Fußballnation hinter ihrer Mannschaft steht. Das kleine Königreich verfällt jedes Mal zur WM oder EM in einen „Oranje-Wahn“. Es gibt kaum ein Haus ohne Nationalfahne. Ganze Straßenzüge und Siedlungen liegen unter einer Decke von Oranje-Wimpelketten und Fahnen. Den Weltmeistertitel für die Fans vergebe ich persönlich an Holland. Keine andere Nation ist so toll kostümiert und keine andere Nation zieht gleich mit mehreren Kapellen ins Stadion. In diesem Sinne: „Oranje boven Nederland!“

Unser Menü für heute Abend: holländische „Frites special“ mit Zwiebel, Ketchup und Mayonnaise und für die Jungs dazu „Frambozen-Limonade“.


Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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