Einige Infos! Update erfolgt im Laufe des Abends!

Um 12.05 Uhr hat der Landrat bekanntgegeben, dass die Hochwasserwelle am Sonntag, den 9. Juni Schnackenburg erreichen wird. Die Angaben basieren auf Prognosen der Hochwasserzentrale in Magdeburg.

Es werden immer noch freiwillige zur Füllung der Sandsäcke benötigt.

THW, Feuerwehrkräfte aus ganz Niedersacshen und die Bundeswehr sind im Einsatz und unterstützen uns alle!!

Die Stadtinsel in Hitzacker muss evakuiert werden. Für die betroffen Bürger gibt es Infotelefon 05861-808 216 oder 05861-808 217.

Auch 12.000 Nutz- und Klauentiere sind vom Hochwasser betroffen. Der Abtransport der Tiere  wird durch die Viehvermarktung Lüchow-Dannenberg in Zusammenarbeit mit dem Maschinenring und dem Kreislandwirt organisiert. Infos unter 05841-6088

Ab sofort gibt es auch ein Bürgertelefon der Kreisverwaltung (8-20 Uhr) 05841-120-222. Ab Donnerstag ist diese Rufnummer rund um die Uhr besetzt.

ACHTUNG: Ich bin gerne bereit wichtige Informationen hier zu veröffentlichen. Auch Hilferufe und Aufrufe gebe ich gerne hier weiter. Schickt mir einfach eine E-Mail. Aber bitte nur ernstgemeinte Zusendungen. 

Die ersten Soldaten sind eingetroffen! Bangen und Hoffen entlang der Elbe!

Das Internet ist voll mit den neusten Pegelprognosen. Doch an jeder Art von Spekulation werde ich mich nicht beteiligen. Die Sache ist ernst und falsche Panikmache seitens der Journalisten braucht niemand. Daher werde ich hier nur die letzte Information des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz weitergeben. Die lautet:

 „Es gibt momentan keine genaue Prognose“

Keiner kann genaue Angaben zur Höhe und zum Eintreffen des Scheitelpunktes Auskunft geben. Auch über die zeitliche Länge der hohen Wasserstände gibt es keine verlässlichen Informationen.

Viel wichtiger ist Unterstützung und Hilfe und die kommt von überall her. Bis spätestens heute Abend werden über 1000 Soldaten in unserer Region eintreffen und bei der Sicherung der Deiche helfen. Die ersten Bundeswehrfahrzeuge habe ich bereits gesichtet.

Aktuell gibt es eine weitere Straßensperre an der Kreisstraße K 13 von Penkefitz nach Jasebeck.

Besorgte Anrufer können sich über folgende Rufnummern informieren: Für Gartow 05846-8213 und für die gesamte Elbtalaue 05861 808 216

Wir in Kaltenhof werden am Abend mit der Deichsicherung beginnen.

Weitere Infos folgen!

 

Warten auf das Hochwasser in Kaltenhof, Pegelstand der Elbe in Dömitz 5. Juni 2013, 6 Uhr: 4,12

In den letzten 24 Stunden haben sich die Ereignisse überschlagen. Noch immer fehlt mir jedes Gespür dafür, die Situation realistisch einzuschätzen. Soll ich anfangen, die untere Etage zu räumen? Soll ich die nötigsten Dinge einpacken? Diese und viele weitere Fragen schießen durch meinen Kopf. Beantworten kann ich sie nicht.

Warten auf das Wasser in Grippel (c) Carina Tietz

Warten auf das Wasser in Grippel (c) Carina Tietz

Doch zumindest will ich versuchen Antworten zu finden. Ich rede mit Mitbürgern und merke schnell, dass auch sie der Sache eher hilflos gegenüber stehen. „Ich glaube nicht, dass Kaltenhof überschwemmt wird, aber eine Garantie kann ich nicht geben“, sagt ein Bauer, der gerade auf den Feldern nach dem Rechten sieht. Er steht gelassen am Wegesrand und wird von der Morgensonne geblendet. Es ist ein Idyll hier zwischen Kaltenhof und Langendorf und im Moment deutet hier nichts auf die bevorstehende Flutwelle hin.

Eisenbahnbrücke Dömitz 4. Juni 21.00 Uhr (c) Carina Tietz

Eisenbahnbrücke Dömitz 4. Juni 21.00 Uhr (c) Carina Tietz

Ich fahre weiter die Elbe entlang bis Grippel. Hier sind die Menschen wesentlich nervöser. Die ersten Häuser wurden mit Sandsäcken geschützt. Zusätzliche Plastikplanen sollen die unteren Etagen schützen. „Wir haben Angst vor dem, was da auf uns zukommt. Wir haben alle elektrischen Geräte nach oben gebracht. Ich glaube nicht, dass die Deiche halten werden“, sagt eine Mutter von zwei Kindern. Auch andere Menschen in dem kleinen Dorf sind beunruhigt: „Wenn ich die Prognosen bestätigen saufen wir alle ab, auch in Langendorf, Kaltenhof und Brandleben“. Ich will wissen, warum er so denkt. „Ich wohne seit vielen Jahren hier und habe schon einige Hochwasser erlebt, aber diese Pegelstände machen mir Angst“. Und er hat noch eine weitere Befürchtung: „Drüben in Dömitz wurden letztes Jahr Schutzmaßnahmen getroffen. Halten die Stand wird das Wasser auf die gegenüberliegende Seite nach Kaltenhof und Brandleben gedrückt. Das werden die Deiche nicht aushalten. Auch das Grundwasser wird steigen und die Böden sind völlig aufgeweicht“.

Nähe Dömitzer Brücke, 4. Juni am Abend (c) Carina Tietz

Nähe Dömitzer Brücke, 4. Juni am Abend (c) Carina Tietz

Meine Fahrt führt mich weiter in Richtung in Gartow. Am See steht ein Hobbyfotograf, der mit mir ins Gespräch kommt. Ich frage ihn nach seinen Erwartungen und seine Antworten machen mir Angst. „Unten in Schnackenburg kommen kleine Bäche in die Elbe. Die sind jetzt schon randvoll. Überall von Schnackenburg bis Hitzacker steht Wasser auf den Feldern. Der Boden ist vollgesaugt, der kann doch gar nichts mehr aufnehmen. Heute kommen Feuerwehrkräfte aus ganz Niedersachsen zu uns nach Gartow. Die würden doch nie so einen Aufstand machen, wenn die Sache nicht megaernst wäre. Ich rechne mit dem allerschlimmsten.“

Ich habe innerhalb kurzer Zeit hunderte Meinungen gehört. Es überwiegt die Angst und die Anspannung. Antworten habe ich nicht wirklich gefunden. Ich kann nur abwarten und hoffen.

Eines möchte ich jedoch an dieser Stelle noch erwähnen: Wir haben bisher eine Hilfsbereitschaft erfahren, die wir so auch noch nicht erlebt haben. Danke für die E-Mails, SMS und Anrufe! Danke, dass Ihr Eure Unterstützung zugesagt habt. Das muntert einen auf und gibt einem Halt in dieser nicht einzuschätzenden Lage! Danke dafür!

Danke auch nach Dänemark. Auch von da haben wir viele aufmunternde Worte gehört!

Aktuell gibt es folgende Verkehrsbehinderungen:

Sperrungen:

  • K 36 Hitzacker – Penkefitz
  • K 19 Neu Darchau: In Neu Darchau im Bereich Am Hafen Richtung Fähranleger
  • L 231 Neu Darchau: In Neu Darchau im Bereich Kateminer Mühlenbach wird die  halbseitige Sperrung der L 231 auf der Nordseite für die Ausführung von Hochwasser-Schutzmaßnahmen angeordnet.

 Für die B 248 Tramm, an der Zufahrt zum Kieswerk gilt eine Geschwindigkeitsbeschränkung für beide Fahrtrichtungen. Hier werden Sandsäcke gefüllt.

 Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der letzten 24 Stunden:

 

  • Die ersten  Sandsäcke sind eingetroffen und werden verteilt
  • Der Landrat hat Katastrophenalarm ausgerufen
  • In Höhbeck wird der Friedhof mit Sand abgesichert
  • Die Grundschule Clenze, Drawehn-Schule Clenze, Gymnasium Lüchow, Fritz-Reuter-Gymnasium Dannenberg, Oberschule Dannenberg sowie Elbtalschule Gartow bleiben geschlossen. Hier sollen Stützpunkte aufgebaut und Hilfskräfte untergebracht werden
  • Für das Füllen von Sandsäcken werden noch immer freiwillige Helfer gesucht. Einsatzort ist das Kieswerk Neu Tramm an der B 248 zwischen Tramm und Jameln.
  • Hitzacker bereitet sich auf eine Evakuierung der Stadtinsel vor

 

Aktuelle Informationen gibt es ab jetzt stündlich in einer kurzen Zusammenfassung!

 

 

4. Juni 2013 Pegelstand der Elbe bei Dömitz 10 Uhr 4 Meter

Die Lage ist angespannt. Für alle Fälle habe ich mir eine Taschenlampe besorgt. Der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz warnt vor SEHR HOHEN Wasserständen und hat vor wenigen Minuten folgende Pressemeldung herausgegeben: 

Aufgrund der ergiebigen Regenfälle im Einzugsgebiet der Elbe steigen die Wasserstände in der oberen Elbe weiter schnell und deutlich. Aus dem tschechischen Einzugsgebiet der Elbe wird eine angespannte Hochwasserlage gemeldet. Innerhalb von 24 Stunden (Zeitraum: 2. bis 3. Juni – 6 Uhr) stieg der Wasserspiegel an den Elbepegeln in Schöna um 148 cm, in Dresden und Torgau um 117 cm, in Dessau um 81 cm, in Barby um 50 cm, in Magdeburg-Strombrücke um 43 cm, in Wittenberge um 14 cm, in Schnackenburg um 13 cm, in Dömitz und Hitzacker um 14 cm, in Neu Darchau um 13 cm, in Bleckede um 12 cm, in Boizenburg um 11 cm und in Hohnstorf um 9 cm.

Es ist aufgrund der Prognose der Hochwasservorhersagezentrale in Magdeburg damit zu rechnen, dass die Richtwasserstände für die Alarmstufe IV der Deichverteidigungsordnungen des Landkreises Lüneburg für den Neuhauser Deich- und Unterhaltungsverband und den Artlenburger Deichverband voraussichtlich am Freitag (7. Juni) erreicht und überschritten werden. Die für den 10. Juni durch die Hochwasservorhersagezentrale Magdeburg abgeschätzten höchsten Wasserstände an den niedersächsischen Pegeln der Elbe liegen bis zu 80 cm über den bisher gemessenen Höchstwasserständen von Januar 2011 (Schnackenburg 64 cm, Dömitz 43 cm, Hitzacker 80 cm, Neu Darchau 81 cm, Boizenburg 61 cm, Hohnstorf 52 cm). Ein Hochwasserscheitel für das Hochwasser hat sich bislang noch nicht erkennbar ausgebildet.

Der NLWKN Lüneburg beobachtet die Entwicklung der Wasserstände und wird über die weitere Entwicklung des Hochwassers informieren. Außerdem bereitet sich der NLWKN Lüneburg darauf vor, die Hochwasserschutzeinrichtung in Hitzacker in Betrieb zu nehmen: Vermutlich am Donnerstag werden die Tore des Sperrwerks geschlossen und die Pumpen beim Schöpfwerk in Gang gesetzt, um das Wasser der Jeetzel in die Elbe zu befördern.

Aktuell laufen mit Unterstützung des NLWKN in den Landkreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg mehrere Hochwasserschutz-Projekte. Die Baustellen in Gartow, Lüchow und Alt-Garge werden derzeit gesichert.

 

 

Warten auf das Hochwasser! Kaltenhof, 4. Juni 2013, 6:30 Uhr Pegelstand der Elbe 3,91

4. Juni 2013 6:30 Uhr Pegelstand der Elbe bei Dömitz  3,91 Meter

Als wir das Haus vor 9 Monaten gesuchten haben, konnte es nicht nah genug an der Elbe stehen. Wir waren geblendet von der einzigartigen Landschaft der Elbtalauen. An Hochwasser haben wir damals nicht gedacht, zumindest haben wir aufkommende Gedanken schnell verworfen. Mit steigenden Flüssen wurden wir bisher nicht konfrontiert. Das heißt aber nicht, dass wir nicht Katastrophenerprobt sind. 2011 zog ein schweres Orkantief über unseren dänischen Wohnort hinweg und verwüstete viele Dörfer. Im Winter 2008 / 2009 schneite es in Nordjütland tagelang. Wir waren von der Außenwelt abgeschnitten und zeitweise ohne Strom. Nach vier Tagen räumte die Armee die Straßen.

 

Die ersten Straßen sind abgesperrt (c) Carina Tietz

Die ersten Straßen sind abgesperrt (c) Carina Tietz

Im Juni 2013 muss ich mich nun erneut mit einer drohenden Katastrophe auseinandersetzen. Nur 200 Meter ist der Elbdeich entfernt und langsam macht sich die Angst breit. Die Pegel steigen unaufhörlich und noch weiß niemand, was uns bevorsteht. Die Meinungen gehen weit auseinander.

Gestern Abend treffe ich beim Spaziergehen den Bauern, der mit seinem Hof direkt am Deich liegt. Er sieht die Sache gelassen und will erst einmal abwarten: „Wir hatten zwar schon mal nasse Füße, aber bisher hat der Deich noch immer gehalten. Ich habe keine Angst“. Dann lächelt er und erzählt mit Galgenhumor: „Die Dömitzer gegenüber gehen sowieso zuerst unter, die liegen tiefer.“ So recht lachen will aber niemand. Ganz im Gegenteil. Der Nachbar beobachtet die Lage an der Elbe kritisch: „Schon 2002 stand der Deich kurz vor dem überlaufen. Überall sickerte Wasser durch und auch der Lehmboden riss immer wieder Teile des Deiches herunter. Ich habe Angst, denn es soll ja noch schlimmer kommen, als 2002.“

 

Elbe in der Nähe der Dömitzer Brücke 4.Juni 2013 (c) Carina Tietz

Elbe in der Nähe der Dömitzer Brücke 4.Juni 2013 (c) Carina Tietz

Auch der Schäfer auf der anderen Elbseite hat seine Schafe an den hinteren Deich verlegt. Auf den Elbwiesen grasten am Sonntag noch Kühe. Die hat man längst auf andere Weideflächen gebracht, denn die meisten Wiesen stehen bereits unter Wasser. Der steigende Elbpegel ist gut zu erkennen. Die Straße „Am Deich“ ist zum Teil überspült und wurde bereits für den Verkehr gesperrt. Hier waren meine Söhne am Samstag noch mit dem Fahrrad unterwegs. Da deutet noch nichts auf diese Hochwassersituation hin. Doch seit gestern erkennt man deutlich, dass sich das Bett der Elbe stündlich ausbreitet. Schon jetzt sind viele Auen überspült. Das schlimmste ist jedoch, dass niemand wirklich weiß, wie viel Wasser die Elbe mit nach Norden bringt. Weiter südlich trägt sie schon jetzt größere Wassermenge als bei der Jahrhundertflut 2002. Glaubt man den Erzählungen einiger Nachbarn, dann schwappte die Elbe damals schon über. Was passieren könnte? Das kann man sich schnell ausmalen.

 

"Am Deich" in Kaltenhof, (c) Carina Tietz

"Am Deich" in Kaltenhof, (c) Carina Tietz

Ich wünsche mir eigentlich nur eine realistische Auskunft. Doch die kann mir im Moment niemand geben, denn die Situation kann man nicht einschätzen. Der Arbeitskollege meines Mannes warnt: „Ich bin hier aufgewachsen. So schnell steigende Pegel und solche Überflutungen schon Tage vor dem Erreichen des Scheitelpunktes habe ich noch nie erlebt. Ihr solltet Euch Gedanken machen!“

 

Das Wasser der Elbe steigt, Nähe Dömitzer Eisenbahnbrücke (c) Carina Tietz

Das Wasser der Elbe steigt, Nähe Dömitzer Eisenbahnbrücke (c) Carina Tietz

Das Hochwasser ist das Thema des Tages. Heute Morgen beim Brötchenholen warnt eine ältere Dame aus dem Nebenort vor unvorstellbaren Wassermassen: „Meine Schwester wohnt in Brandenburg. Da ist die Situation schon vielerorts außer Kontrolle.“ Auch für unsere Region rechnet sie mit einer Katastrophe. „Ich bin seit drei Tagen in meiner Schrebergartenlaube. Die habe ich mir mühselig wieder aufgebaut. Die alte wurde 2002 mit den Wassermassen weggerissen und verschwand in den Fluten der Elbe. Damals stand das Wasser Tage vorher noch nicht so hoch und auch die Böden waren nicht so durchweicht. Ich habe Maßnahmen getroffen und eine Notfalltasche gepackt.“ Ihre Worte machen mich betroffen. Doch ich kann nicht einschätzen, was Hysterie und was falsche Gelassenheit ist. Ich kann nur abwarten.

 

Das Wasser der Elbe ist nicht aufzuhalten (c) Carina Tietz

Das Wasser der Elbe ist nicht aufzuhalten (c) Carina Tietz

Das Hochwasser ist noch nicht wirklich da, aber es hat mich schon voll im Griff.

Ich mache mir Sorgen und weiß nicht wirklich, was ich zu tun habe. Die Nachbarn sind auch zugezogen und mit der Situation genauso überfordert, wie ich selber. Ich rufe eine Bekannte in der Nähe von Schnackenburg an. Das liegt knapp 30 Kilometer südlicher. Ich hoffe, dass sie mich beruhigen kann. Doch Ihre Worte klingen alles andere als aufmunternd, denn auch hier hat die Elbe sich schon gefährlich ausgebreitet. Die ersten Straßen sind gesperrt. Deichwachen patrouillieren und es wird schon von behördlicher Seite über eine bevorstehende Evakuierung geredet.  Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) rechnet damit, dass am Pegel Neu Darchau (Landkreis Lüchow-Dannenberg) Ende der Woche das Wasser schon alarmierende Höchststände erreicht. Der Landkreis bittet um Wachsamkeit und zum eigen Schutz, sollte Haus und Hof schnellstens verlassen werden, wenn die Fluten heranrollen.  Momentan herrscht noch die niedrigste Warnstufe. Allerdings kann sich das schnell ändern, denn erst zum Wochenende rechnet man mit extrem steigenden Pegeln. Eine Allgemeinverfügung ist teilweise schon in Kraft. Danach darf der Deich nicht mehr betreten werden und die Gemeinden informieren regelmäßig über weitere Maßnahmen.  In einer Pressemeldung des Landkreises wendet sich der Landrat direkt an die Bevölkerung. Evakuierung können nicht ausgeschlossen werden. Sollten die Prognosen sich bestätigen, bittet man auch um Unterstützung der örtlichen Feuerwehren. So müssen zum Beispiel Sandsäcke gefüllt und verteilt werden.

Ich werde Euch weiterhin auf dem Laufenden halten und Prognosen und Wasserstände regelmäßig aktualisieren!

 

Die Elbe am 4.6.2013 an der Dömitzer Eisenbahnbrücke (c) Carina Tietz

Die Elbe am 4.6.2013 an der Dömitzer Eisenbahnbrücke (c) Carina Tietz

Endlich angekommen in Aqaba / Jordanien

Nach tagelangen Besichtigungen von historischen Monumenten, antiken Kulturgütern und endlosen Fahrten durch die Wüste erreichen wir in den frühen Morgenstunden Aqaba. Auf den ersten Blick hat Aqaba nichts Romantisches. Im Containerhafen herrscht buntes Treiben und die Industriegebiete sind gewöhnungsbedürftig. Aqaba löst auf den ersten Blick keine Glücksgefühle aus. Wer die Schönheiten von Aqaba erkennen will, muss zweimal hinsehen und tief in die Herzen der Menschen eintauchen.

Al-Sharif Al Hussein bin Ali Mosche in Aqaba, Jordanien (c) Carina Tietz

Al-Sharif Al Hussein bin Ali Mosche in Aqaba, Jordanien (c) Carina Tietz

Die Stadt am Roten Meer ist der einzige Wasserzugang des Landes. 100.000 Menschen leben entlang des 26 Kilometer langen Küstenabschnittes. Gleich nebenan liegt der israelische Küstenort Eilat, den ich mir morgen anschauen werde. Vorausgesetzt es klappt mit dem Einreisevisum nach Israel. Viele Jordanier haben mich vorgewarnt. Bei Deutschen schauen die Israelis genau hin. Bis dahin ist noch etwas Zeit und heute will ich Jordanien noch einmal in vollen Zügen genießen.

Gewürzhändler in Aqaba, Jordanien (c) Carina Tietz

Gewürzhändler in Aqaba, Jordanien (c) Carina Tietz

Die letzte Nacht haben wir bei den Beduinen verbracht. Das Frühstück war etwas dürftig und der Hunger ist groß. Es ist erst zehn Uhr, aber die Sonne brennt auch heute wieder gnadenlos. In den Souks suchen wir nach einem typisch jordanischen Café. Bloß keine westlichen Restaurants oder Fast Food Ketten. Wir wollen die jordanische Esskultur kennenlernen. Unsere Wahl fällt auf eine kleines Restaurant, halb Café und halb Imbissbude, schräg gegenüber der Moschee. An den Tischen sitzen nur Männer. Ich ziehen den Schal über den V-Ausschnitt meines T-Shirts und versuchen den Blickkontakt zu vermeiden. Die weißen Plastikstühle sind vom Staub verdreckt und am einzigen freien Tisch steht noch Geschirr. Touristen kommen nur selten in diese Gegend und die anderen Gäste wundern sich darüber, dass wir hier essen wollen. Sie sprechen uns ins Englisch an. Ich versuche in Arabisch zu antworten: „Ana min almania“. Der Satz geht mir nach vielen Tagen nun problemlos über die Lippen. Ob ich Arabisch spreche? Nein, ich habe den Satz von unserem arabischen Fahrer gelernt. Wir wollen Frühstück bestellen, aber der freundliche Kellner versteht uns nicht wirklich. Er fragt, ob wir, die jordanische Küche probieren möchten. Wir nicken und schon nach wenigen Minuten biegt sich der abgenutzte Plastiktisch und die „Mezze“ stapelt sich. Wir dippen Falafelbällchen in Tahina, einer würzigen Soße aus Sesam und Zitrone und lassen uns den Schanklisch, ein Kräuterfrischkäse, schmecken. Dazu trinken wir Assir Iamun, frischer Limonensaft, ein idealer Durstlöcher bei dieser Hitze.

Deutsch-Jordanische Verständigung (c) Carina Tietz

Deutsch-Jordanische Verständigung (c) Carina Tietz

Unser Frühstück hatte Brunch-Charakter. Gut gestärkt bummeln wir weiter durch die Souks. Es ist Mittag. Der Muezzin ruft zum Dhuhr, dem islamischen Mittagsgebet. Überall riecht es nach Kräutern und Gewürzen. Wir kochen auch zu Hause gerne arabisch und sind auf der Suche nach Kreuzkümmel. Der Verkäufer begrüßt uns schon vor der Türe und bittet uns herein. Die feinsten und edelsten Gewürze erwarten uns. Immer wieder bekommen wir Gewürze und getrockneten Sesam zum Probieren gereicht. Am liebsten würden wir alle Gewürze mitnehmen, aber dazu reichen die Freigepäckmengen der Fluggesellschaft nicht aus. Für 15 US-Dollar gibt es eine ganze Tüte u.a. gefüllt mit Paprika, Kreuzkümmel, Sesam, Curry und Salz.

Gewürze (c) Carina Tietz

Gewürze (c) Carina Tietz

Immer weiter tauchen wir in die orientalische Welt ein. An jeder Ecke will man uns die typischen Sandflaschen mit Kamel-Motiven verkaufen. Plötzlich wandelt sich der Geruch der Gewürze in modriges Fleisch. Zwischen einem Lebensmittelgeschäft und einem Tuchladen hängen abgezogene Hammel an Fleischhacken.

Am Nachmittag strömen die Menschen zum Asr, dem Nachmittagsgebet. Unsere Einkaufstour ist nun beendet. Was liegt näher, als ein kühles Bad im Meer? Wir meiden ganz bewusst die kostenpflichtigen Privatstrände und entscheiden uns für einen öffentlichen Strand. Das türkisblaue Wasser lockt mit einem Reichtum an Fischen und Korallenriffen.

Auf den zweiten Blick ist Aqaba ein einladender Badeort mit gastfreundlichen Menschen und kristallklarem Wasser. 

Jordanische Fahnen (c) Carina Tietz

Jordanische Fahnen (c) Carina Tietz

Aus dem Leben eines Hooligan

Die Ausschreitungen im und rund um die Stadien häufen sich. Die Bundesliga-Vereine beschließen ein neues Gesetz. Doch kann so die Gewalt wirklich gestoppt werden? Was treibt Ultras eigentlich zu solchen Ausbrüchen? Was sind das für Menschen, die Woche für Woche zu Schlägern werden?

Ich traf einen Hooligan zum Interview und erlebte eine große Überraschung. Es war kein Fan aus den sozialen Randgebieten, der grölend mit einer Bierdose in der Hand faschistische Gesänge anstimmt. Ich traf einen betuchten Akademiker, der gerne mal als Ultra getarnt zuschlägt. Was ihn dazu treibt? Das erfahrt Ihr hier: Aus dem Leben eines Hooligan

Ich habe von Weihnachten genug!

Der Rückblick auf Dezember 2011

Ich bin mit meinem Sohn auf dem Weg nach Hause und will noch schnell Milch im Discounter kaufen. Der Parkplatz ist voll, randvoll. „Oh, Mama! Du willst doch da jetzt nicht rein gehen. Da ist es voll. Die drehen doch jetzt schon durch, weil bald Weihnachten ist“. Die Stimme von hinten klingt verzweifelt und flehend. Ich mache meinen Sohn darauf aufmerksam, dass er dann morgen früh sein Müsli ohne Milch essen muss. Aber das ist ihm egal. „Dann esse ich halt ein Brot.“ Das klingt überzeugend.

Alle backen Plätzchen. Ich habe auf diese klebrige und mehlige Angelegenheit eigentlich keine Lust. Aber es ist bald Weihnachten. Eine Mutter muss doch Plätzchen backen. Die Begeisterung bei meinen Söhnen hält sich mehr als in Grenzen. „Oh, nee, nicht schon wieder. Da habe ich jetzt echt keine Lust zu. Da kommt auch gleich die Sportschau“, ruft der Große aus dem Wohnzimmer. Der Kleine lehnt sich lustlos an die Küchentür und fragt mich, warum wir die Plätzchen denn nicht einfach im Supermarkt kaufen.

Der Weihnachtsmarkt ist eröffnet. Will ich mich wirklich durch die Menschenmassen drängen und mich von mit Glühwein berauschten Weihnachtsmännern blöd anquatschen lassen? Muss ich stundenlang einen Parkplatz suchen, um dann von Fett durchnässte Reibekuchen zu essen und alt modischen Weihnachtspyramiden zuzusehen, die sowieso nicht zu meiner Einrichtung passen? Brauch ich das alles, nur weil bald Weihnachten ist? Auch hier haben meine Kinder eine eindeutige Meinung. „Warum sollen wir dahin gehen? Du schaust dann ständig auf Deine Handtasche, damit Dir niemand das Portemonnaie klaut. Reibekuchen? Wir können doch auch was beim Türken holen! Für das Karussell sind wir doch eh viel zu groß. Dann das Gedränge! Nein, wir möchten da gar nicht hin“. Ihre Argumente sind eindeutig und im Endeffekt ist jeder froh, dass wir uns diesen Trubel ersparen.

Der erste Advent steht vor der Türe. Überall werden die Häuser geschmückt. Mein Mann ist völlig genervt und kämpft sich durch die beiden Garagen und dann später durch den Dachboden. Wo ist bloß dieser beleuchtete Weihnachtsmann geblieben? Der Große brüllt aus dem Kinderzimmer heraus: „Diese Saugnäpfe halten doch sowieso nicht! Muss ich denn wirklich so eine blöde Lichterkette aufhängen?“ Der Kleine steht jammernd im Flur: „Der Nikolaus ist kaputt, der leuchtet nicht mehr.“ Drei Stunden später! Der Weihnachtsmann wurde in der letzten Ecke auf dem Dachboden gefunden. Jetzt heißt es Kabel verlegen. Der Nachbar winkt herüber und schaut stolz auf seinen beleuchteten Rentierschlitten. Der Kleine stellt dann die passende Frage: „Warum müssen wir den Weihnachtsmann eigentlich aufstellen?“ Ja, das ist eine sehr gute Frage. Wir brauchen diesen Klimbim nicht. Wir haben es einfach nur für die Jungs getan. Aber die wollen es nicht. Sind wir eine Ausnahme? Nein, so geht es bei vielen Familien zu.

Weihnachten naht. Es gibt keinen freien Flug mehr! Zu lange gewartet mit der Buchung. Also 1000 Kilometer mit dem Auto unterwegs zur Familie! Verschneite Straße und bis unter das Dach vollgepackt mit Geschenken. Oma freut sich und hat Berge von Süßigkeiten für die Kinder gekauft. Weihnachten ist das Fest der Familie. Ein Hotel kommt nicht in Frage, aber nach zwei Nächten auf Omas Sofa, sehnt man sich nach einem Hotelbett. Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber jeder hat heute schon mindestens einmal seinem Unmut freien Lauf gelassen.

Dann ist der Heilige Abend endlich da. Die ganze Familie sitzt zusammen. Diesmal ist mein Bruder der Dumme, denn er richtet das Fest aus. Kuchen backen, Fleisch in den Ofen, Rosenkohl pellen, Kartoffeln schälen, Baum schmücken, Stühle rutschen, und so weiter und so weiter.

Die Begeisterung bei den Geschenken hält sich in Grenzen. Mein Mann und ich schenken uns nichts. Das ist uns einfach zu kitschig. Meine Schwägerin bekommt einen weißen Wollschal. Sie kann Wolle nicht ausstehen und findet die Farbe Weiß altmodisch. Ich bekomme eine CD mit deutschen Schlagern geschenkt. Die schenke ich Oma am nächsten Tag, denn ich mag keine Schlager. Mein Mann ist in Sachen Rasierwasser sehr anspruchsvoll und kann sich über das Wässerchen eines Drogerie-Discounters nicht so richtig freuen. Trotz allem bedanken sich jeder mit Begeisterung bei dem Anderen. Es ist doch Weihnachten!

Drei Tage Fress-Marathon. Am Ende hat jeder mindestens ein Kilo zugenommen. Ich bin seit zwölf Jahren Vegetarier. Aber an Weihnachten scheint das auch nicht wirklich jemanden zu interessieren. Weihnachten ohne Pute, ohne Karpfen und ohne Sauerbraten? Das geht gar nicht. Ich suche verzweifelt nach Alternativen. Wer hat bloß den Schinken in den Rosenkohl geschnitten? Muss denn jeder Salat Hähnchenfiletstreifen enthalten? Die Böhnchen schmecken auch ohne Speckmantel, aber wem sage ich das?

Endlich! 27. Dezember! Wir haben es mal wieder überstanden. Alle sind ausgelaugt. 17 Stunden Autofahrt mit Eis und Schnee, dann sind wir wieder zu Hause. Jetzt braucht jeder erst mal Zeit für sich.

Weihnachten 2012

Ich habe schon im August Magenschmerzen, wenn ich nur an Weihnachten denke. Dieses Jahr soll alles anders werden. Diesmal werde ich mich nicht diesem Konsumterror und diesem Familienstress aussetzen! Dieses Jahr nicht!

Im Juli bekommen wir den ersten Anruf: „Was ist mit Weihnachten? Wo feiern wir dieses Jahr?“ Es sind 30°C, Hochsommer in Deutschland. Wie kann man jetzt nur schon an Weihnachten denken? Das flaue Gefühl im Magen wieder da. Aber jetzt ist Schluss. Gemeinsam mit unseren Kindern, beschließen wir Weihnachten dieses Jahr nicht zu feiern. Am 23. Dezember werden wir auf die AIDA gehen, im Roten Meer schnorcheln und bei warmen Temperaturen mitleidig an unsere Lieben daheim denken. Die Kinder sind mehr als begeistert. Machen sogar den Vorschlag in diesem Jahr auf Geschenke zu verzichten!

Aber was machen wir bis zum 23. Dezember? Der Weihnachtsmann bleibt dieses Jahr auf dem Dachboden. Wir haben keinen Adventskranz. Wieso auch? Bei uns brennen in der dunklen Jahreszeit eh immer die Kerzen. Unser Haus ist zwar keine weihnachtsfreie Zone, aber alles ist auf ein Minimum beschränkt. Am Fenster haben die Jungs Schneeflocken aufgeklebt. Der Kleine hat einen beleuchteten Schlitten im Zimmer hängen. Wir haben die übliche zeitlose Winterdeko. Aber die hatten wir schon Mitte November und wir werden sie auch noch bis Mitte Februar behalten. Nikolaus und Tannenbäume sucht man vergebens. Diese Ruhe ist geradezu himmlisch. Wir backen keine Plätzchen! Wir basteln keine Strohsterne! Stattdessen spielen wir Monopoly, schaffen es in diesem Jahr ganz easy zum Fußballhallenturnier unserer Jungs und sehen unseren Nachbarn mitleidig an, als er zum dritten Mal vergeblich versucht den Rentierschlitten auf dem Garagendach zu befestigen. Wir müssen uns keine Gedanken über das Essen und die Geschenke machen. Dafür haben wir endlich Zeit zum Lesen. Der Kleine steht im Sportladen zwischen Skiern und Schneeanzügen und probiert mit Begeisterung seine Schnorchel-Ausrüstung, die der Verkäufer erst im Lager suchen musste. Der Große hat die neue Badehose lieber gleich bei EBay bestellt. Begründung: „Dann muss ich nicht den durchgeknallten Weihnachtsfanatikern begegnen.“

 In diesem Sinne! Frohe Weihnachten!

Wie denkt Ihr darüber? Feiert Ihr Weihnachten? Schickt mir Eure Geschichten! Sagt mir Eure Meinung! Ich bin gespannt!

 

 

 

 

Einsatz in Afghanistan und die Folgen

Als ich Dirk das erste Mal treffe steht sein Einsatz in Afghanistan unmittelbar bevor. Dirk ist lebenslustig, kollegial und sozial. Er ist Soldat und hatte sich freiwillig in das politisch instabile Land versetzen lassen. Damals war alles ein großes Abenteuer für ihn. Seine Freunde veranstalteten eine große Abschiedsparty und voller Euphorie brach Dirk in eine ungewisse Zukunft auf. Er hatte bestimmte Vorstellungen und Erwartungen. Auch Angst spielte eine gewisse Rolle, denn gleich nach der Rückkehr wollte er seine langjährige Freundin heiraten und eine Familie gründen. Beim Aufbruch dachte Dirk nicht im Traum daran, dass sich keiner seiner Wünsche erfüllen sollte. Gemeinsam mit 2 Kollegen, die im Laufe der Zeit sehr gute Freunde geworden waren, verließ er seine Heimat. Im letzten Interview betonte er immer wieder, wie wichtig dieser Einsatz für ihn sei. Er war aus Überzeugung Soldat geworden. Er nahm seinen Auslandseinsatz sehr ernst und wollte der afghanischen Bevölkerung ein Stück weit auf dem Weg in die Demokratie begleiten.

 Dirks Einsatz dauert gerade mal 6 Wochen. Auf einer Patrouille wurde sein Fahrzeug beschossen. Eine Bombe explodierte. Seine zwei Freunde waren auf der Stelle tot. Dirk überlebte schwerverletzt und wurde in ein deutsches Militärkrankenhaus ausgeflogen.

 Ein halbes Jahr ist seither vergangen. Ich treffe Dirk in einem Park am Rande der Stadt. Ich wollte ihn eigentlich in einem Café treffen, aber Dirk kann die Nähe zu Menschen nicht ertragen. Seine körperlichen Wunden sind verheilt, aber er ist seelisch und psychisch angeschlagen.  Er begrüßt mich freundlich und reicht mir die Hand. Sein Händedruck ist leicht und kaum zu spüren. Bei unserer allerersten Begrüßung war der Händedruck so hart gewesen, dass ich ihn noch Stunden danach spürte.  Dirk versucht zu lächeln. Es ist ein gequältes Lächeln. Damals empfing mich ein offener und lebenslustiger Mensch. Davon ist nichts mehr übriggeblieben. Der einst sportliche und durchtrainierte Soldat hat zugenommen. Sein Gesicht ist aufgedunsen. Er hat eine Alkoholfahne und stinkt nach Zigarettenqualm. Minutenlang sitzen wir wortlos auf der Parkbank. Bei unserem ersten Interview hatte er gar nicht aufgehört von seinem Berufsleben zu erzählen. Ich kam damals kaum mit den Gesprächsnotizen nach, so schnell und emotional hatte er von seinem bevorstehenden Einsatz in Afghanistan erzählt. Heute sitzt er still und in sich eingekehrt neben mir. Vorsichtig frage ich ihn, wie es ihm geht. Schon als ich die Frage gestellt habe, merke ich, wie überflüssig sie doch war. Es geht ihm schlecht, sehr schlecht. Das muss er nicht beantworten, das sieht man auch so. Ich habe schon viele Interviews geführt, aber bei diesem drohe ich zu versagen. Ich finde einfach keine Worte! Ich will ihn nicht quälen, aber ich bin Journalistin und es gehört zu meinen Aufgaben, der Welt die Grausamkeiten in Afghanistan aufzuzeigen. Irgendwo da Draußen tobt ein Krieg und die Bevölkerung hat ein Recht darauf zu erfahren, was am Hindukusch los ist! Doch ich schaffe es einfach nicht eine konkrete Frage zu stellen. Er sieht mich an und zündete sich eine Zigarette an. Dann beginnt er zu erzählen. „Es war ganz schrecklich dort. Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals vergessen kann. Der Morgen begann wie immer. Sascha, Daniel und ich begleiteten einen amerikanischen Konvoi. In Afghanistan ist jeder dein Feind. Du musst ständig damit rechnen angegriffen zu werden. Daran hatten wir uns schon nach wenigen Tagen gewöhnt. Es lief relativ ruhig an diesem Tag und dann kam diese Straßensperre“.

Minuten war es still. Er kämpfte gegen seine Tränen an. Ich saß daneben und drohte die Fassung zu verlieren. Von der taffen Journalistin war keine Spur mehr zu erkennen. Ich nahm spontan seine Hand und drückte sie. Er war dankbar dafür. Das konnte ich spüren. Er versuchte weiterzureden, aber es war nur ein wirres Gerede. Ich verstand nur Bruchteile: „ Bombe, ein Knall, da war das abgerissene Bein“. Ich schluckte. Alleine die Begriffe abgerissenes Bein ließen alle meine Glieder zucken. Ich musste an die Ausstellung „Here is New York“ denken, die ich nach dem 11.September in Düsseldorf besucht hatte. Damals hatte mich das Bild eines abgerissenen Unterschenkels über Tage keine Ruhe gelassen.

Dirk drückte meine Hand ganz fest und ließ sie los, um die Zigarettenschachtel aus seiner Jackentasche zu holen. Tränen liefen über seine Wange. Ich reichte ihm ein Tempo. Weitere wortlose Minuten vergingen. Ich kam mir so unscheinbar vor. So hilflos.

Ich hatte das Gefühl, als wolle er reden. Aber er konnte es nicht. Er hatte das Trauma Afghanistan noch längst nicht verarbeitet und ich fragte mich, ob er es überhaupt jemals können würde. Ich drängte ihn nicht und ich stellte auch keine Fragen mehr! Das Recht auf Berichterstattung hatte an dieser Stelle ein Ende für mich. Ich konnte nicht weiter. Das hätte meine Moral nicht zugelassen. Dirk war gleichermaßen angespannt, aber er weinte nicht mehr. Er erzählte mir, dass seine Freundin vor drei Wochen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen sei. Sie konnte seine nächtlichen Schreie im Schlaf nicht mehr ertragen. Auch sonst habe er sich total verändert, hatte sie auf einem Zettel geschrieben und war einfach gegangen. „Ich habe Sie geliebt. Sie war meine Traumfrau. Das dachte ich zumindest damals. Aber ich habe mich geirrt. Ich bin froh, dass ich nicht vor Afghanistan geheiratet habe. Sie ist keine Frau für einen Soldaten. Es war auch keine richtige Beziehung. Schau doch! Dann habe ich eine Krise, bin nicht mehr der Mann, der wachsam und stark an ihrer Seite geht und schon ist sie weg! Jetzt, gerade jetzt hätte ich eine Frau an meiner Seite gebraucht.“ Er war so rational und so gefühlsarm. Seine Worte klangen noch nicht einmal verzweifelt. Er sah auf die Uhr! Wir hatten die geplante Interviewzeit längst überschritten. Höflich verabschiedete er sich und entschuldige sich. Er fragte, ob seine Antworten, denn nun überhaupt für ein Interview ausreichten. Welches Interview? Ich sagte ihm, dass es kein Interview geben würde!

 

Eine Wanderung durch den Fisch River Canyon

Der Fish River Canyon ist der größte Canyon Afrikas und ist, nach dem Grand Canyon, der zweitgrößte Canyon der Welt. Er liegt im südlichen Namibia und hat eine Länge von 160 Kilometern. Das ausgewaschene Flussbett des Fischflusses hat eine Breite bis zu 27 Kilometern. An einigen Stellen ist der Fish River Canyon mehr als 500 Meter tief. Eine Wanderung durch den Fisch River Canyon ist ein Muss für alle Namibia-Besucher. Mein Reisebericht über die Wanderung durch den Fisch River Canyon erzählt von den einzigartigen Erlebnissen.

 

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