Rezension zu André Herzberg, Alle Nähe fern

Ich habe das Buch von einem lieben Kollegen bekommen. Die ersten Seiten haben mich nicht gerade begeistert. Doch mit jedem Kapitel stieg meine Leselust und am Ende hat mich das Buch bereichert. Alles, was Ihr über das Buch wissen müsst und meine Rezension zu „André Herzberg, Alle Nähe fern“ findet Ihr hier

 


Wichtige Infos zu meinen Bürozeiten im März und im April 2015

Mein Büro bleibt während der Leipziger Buchmesse vom 12. bis zum 15. März 2015 geschlossen.  Ich bin aber in dieser Zeit telefonisch und per Email erreichbar. Aufgrund einer längeren Reise bleibt mein Büro auch vom 20. März bis zum 13. April 2015 geschlossen. Alle noch offenen Projekte werden bis zum 18. März oder nach vorheriger Absprache fertiggestellt. Ich bin in dieser Zeit nicht zu erreichen. 

Interessante Themen und viele Infos über die Leipziger Buchmesse gibt es hier 

 

 

 


Der Countdown läuft!

Noch zwei Tage: Dann rollt der Ball endlich wieder und die besten Fußballnationen der Welt greifen nach dem goldenen Pokal. Ganz Deutschland ist im Fußballfieber. Ganz Deutschland??? Nein, es hat den Anschein als sei das Wendland eine halbwegs fußballfreie Zone. Mir ist das egal. Ich habe das Haus trotzdem geschmückt und ich werde mir meine Fußballeuphorie von niemandem nehmen lassen. Ich bin an der deutsch-niederländischen Grenze aufgewachsen. Umzingelt von etlichen Bundesligateams und mitten drin im ständigen Kampf zwischen den großen Fußballnationen Deutschland und der Niederlande. Da nimmt man das WM-Fieber schon über die Muttermilch auf.

Die Vorbereitungen laufen Foto: © Carina Tietz

Die Vorbereitungen laufen Foto: © Carina Tietz


Was ich in meiner Heimatstadt erlebt habe bleibt unvergesslich. Tief im Herzen bleibt der Weltmeistertitel von 1990 und das Tor von Andreas Brehme. Unter dem Sonnenschirm im Garten hängt heute die 24-Jahre alte Fahne. Damals, am 8. Juli 1990, als Codesal Mendez aus Mexico das Endspiel in Rom anpfiff, da hing die Fahne im Wohnzimmer meiner Eltern. Wenige Stunde danach flatterte sie aus dem Schiebedach meines Opel Kadetts in den Abendhimmel von Herzogenrath und Kerkrade. Sie war ein Teil des Autokorsos, der sich bis nach Mitternacht die Grenze entlang bewegte. Aber die Grenze war auch immer Schauplatz von unschönen und für unsere Nation beschämenden Szenen: Durch meinen Garten stürmten Hooligans eines Bundesligavereins um Deutschland nicht nur auf dem Rasen, sondern auch mit Fäusten gegen die Niederlande zu verteidigen.

Die WM kann beginnen Foto: © Carina Tietz

Die WM kann beginnen Foto: © Carina Tietz

Nicht weniger begeistert und im Herzen auch ein Stück französisch (ganz sicher auch der Verwandtschaft wegen!) feierte ich am 12. Juli 1998, als Frankreich im Finale gegen Brasilien mit 3:0 gewann. Ein Mann war es, der sich von Anfang in mein Herz gespielt hatte: Zinédine Zidane. Vergessen war das Vorrundenspiel gegen Saudi Arabien, als er die Rote Karte sah. Seine beiden Tore machten Frankreich zum Weltmeister. Für mich persönlich ist und bleibt Zidane der beste Spieler der Welt. Niemand hat den Ball so künstlerisch beherrscht wie er. Ich könnte das alles jetzt noch weiter ausschmücken und müsste mich dann auch zwangsläufig mit dem unschönen Abgang des Weltstars beschäftigen. Aber dazu ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.

Vor uns liegen nun Tage der Hoffnung und des Daumendrückens. Wir werden fluchen, schreien, weinen, diskutieren, über Löw schimpfen, Fahnen hissen, hoffentlich ganz oft TTTTTTTTTTTTTTTTOOOOOOOOOOOOOOOOORRRRRRRRRRRRRRR schreien, Bier kalt stellen, grillen und bis zum 13. Juli dem Fußballfieber verfallen sein.

Was wir erleben, fühlen und wie wir leiden, erfahrt Ihr ab heute täglich auf meinem Blog!


Unfallursache ist geklärt

Die Unfallursache des schweren Motorradunfalles in Langendorf-Kaltenhof an der Kreisstraße 15 ist geklärt. Wie die Pressestelle der Polizeidirektion Lüchow-Dannenberg mitteilte, erlitt ein 76-jähriger Fahrer eines VW Touran einen Sekundenschlaf und geriet auf die Gegenspur. Der Senior kollidierte mit einem entgegenkommenden Motorrad. Dabei wurde ein 41-jähriger Motorradfahrer aus Ratzeburg in Schleswig-Holstein in den Graben geschleudert und schwer verletzt. Er musste mit einem Hubschrauber ausgeflogen werden. Ein dahinterfahrender 42-jähriger Motorradfahrer (ebenfalls aus Ratzeburg) bemerkte den Zusammenstoß, konnte aber trotz einer Vollbremsung nicht mehr ausweichen und stürzte. Auch er zog sich schwere Verletzungen zu und wurde mit einem zweiten Rettungshubschrauber ausgeflogen. Der Unfallverursacher blieb unverletzt. Der Sachschaden wird auf 21.000 Euro beziffert.

Schwerer Verkehrsunfall in Langendorf-Kaltenhof

„Es musste irgendwann mal etwas passieren“, war der lapidare Kommentar vieler Kaltenhofer. Das kleine Dorf an der Elbe bei Langendorf wurde am Sonntagnachmittag aus der ländlichen Idylle gerissen. Kurz vorm Ortseingang von Kaltenhof auf der Kreisstraße 15 ereignete sich ein schwerer Motorradunfall. Nach ersten Erkenntnissen kollidierten gleich zwei Motorradfahrer mit einem PKW. Wie es zu dem Unfall kam, blieb bis zur Stunde unklar. Gleich zwei Hubschrauber und mehrere Rettungsfahrzeuge waren im Einsatz. Es dauerte über eine Stunde bis der erste Verletzte mit einem Hubschrauber ausgeflogen wurde. Über die Art und die Schwere der Verletzungen gibt es bisher keine Erkenntnisse. Nach ersten Befragungen soll es sich bei den Motorradfahrern um eine Gruppe Berliner handeln.

(c) Carina Tietz, Hubschrauber im idyllischen Kaltenhof bei Langendorf an der Elbe

(c) Carina Tietz, Hubschrauber im idyllischen Kaltenhof bei Langendorf an der Elbe

 


Warten und Hoffen!

Der Scheitel ist da und jetzt können wir alle nur hoffen, dass die Deiche dicht halten und das Wasser schnell wieder abzieht. Die letzten Tage waren von Angst, Resignation, Hoffnung, Humor und Zusammenhalt geprägt.

Der Samstag verläuft relativ ruhig. In der Luft fliegt hin und wieder ein Hubschrauber und Einsatzfahrzeuge sind unterwegs. Die Elbe steigt weiter und weiter. Wir Dorfbewohner behalten sie im Auge und kontrollieren abwechselnd den Pegelstand. Der Samstagabend wird von einer noch seltsameren und beängstigenden Stille geprägt, denn die Kreisstraße ist für den Durchgangsverkehr gesperrt. Trotz der Sperrung ist die Nacht unruhig. Auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe ertönt eine Sirene. In den frühen Morgenstunden herrscht in Kaltenhof ein reger Verkehr. Ich bin viel zu müde, um ans Fenster zu gehen. Ich denke: Wenn die Lage sich zuspitzt, wird man auch an unsere Türen klopfen.“ Am nächsten Tag erfahre ich, dass man Boote ins Wasser gelassen hat. Warum? Das weiß niemand. Das ist reine Spekulation. Vielleicht will man gefährliches Treibgut fischen oder den Deich drüben in Dömitz von der Wasserseite her kontrollieren.

Ein Nachbar klingelt. Er hat das ganze Dorf zum Grillen eingeladen. Doch es ist nicht das übliche gemütliche Grillen, was wir sonst so kennen.  Es ist eher eine Lagebesprechung, denn niemand kann voraussagen, was in den nächsten Tagen auf uns zukommt. In der Ecke steht der Laptop. Der Pegelstand und die aktuellen Pressemeldungen werden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Auch heute ist die Stimmung wieder ganz unterschiedlich. Werner vom Deich nimmt es eher gelassen: „Der Deich ist mit unserem Lehmboden gebaut. Der hält!“ Seine Kinder sehen das Ganze aber eher skeptisch und machen sich für den Ernstfall Gedanken: „Wenn es ernst wird werden wir kaum alle Kühe evakuieren können. Am besten treiben wir Sie auf den Bahndamm und die Eisenbahnbrücke.“

So unterschiedlich wie die Meinungen, sind auch die Dorfbewohner selber. Einer trägt ein Zitat aus der Bibel vor und sucht darin Erklärungen für die Flut. Ein anderer macht den Klimawandel verantwortlich. Doch angeregte Diskussionen bleiben aus. Die Lage ist angespannt. Am Nachmittag gibt es das erste Stauwasser auf den Feldern hinterm dem Deich. Das macht einigen Bewohner Sorgen, denn es kommt früher und schneller als sonst. Aber das Wasser ist klar. Erst, wenn trübes Wasser durchsickert müssen wir Alarm schlagen. Der Pegel steigt unterdessen unaufhörlich weiter. Bei einem kalten Bier wird auch schon über mögliche Überschwemmungen und Evakuierungen geredet. Tritt der Ernstfall ein, sollte man gut gerüstet sein. Am späten Nachmittag machen sich alle wieder auf den Weg. Am Abend wollen wir uns wieder treffen.

Ich gehe mit zum Deich hoch. Das Wasser steht bedrohlich hoch. Bäume sind mittlerweile in den Fluten der Elbe verschwunden. Überall schwimmt Treibgut. Die Höhe und die Fließgeschwindigkeit verbreiten Angst und Schrecken. Auch das Stauwasser  steigt schnell an. Meine Nachbarin und ich beschließen für alle Fälle einen Notkoffer zu packen. Zur Vorsicht bringe ich meine Bücher und einige wertvolle Dinge in die erste Etage. Das ist anstrengend und verlangt uns einiges ab. In nicht einmal einer Stunde haben wir viele hundert Bücher hinauf getragen. Das zerrt an den Kräften. Die sollten wir eigentlich besser einteilen, denn vielleicht werden noch helfende Hände am Deich gebraucht. Aber daran denkt im Moment niemand. Schon gar nicht die Kinder. Die planschen im Pool, spielen Fußball und sind mit Roller und Fahrrad zum Deich unterwegs. Letzteres ist ein gefährliches Unterfangen, denn Kaltenhof wird von immer mehr Gaffern belagert. Selbst die Dorfkinder werden von Katastrophentouristen gefilmt. Nach vier Stunden Dauerbelagerung rufen wir schließlich bei der Gemeinde an. Kurze Zeit später ist eine Polizeistreife im Einsatz. Doch die jungen Polizisten sind überfordert und haben noch nicht das nötige Fingerspitzengefühl. Sie verbieten auch uns Anwohnern den Zugang zum Deich. Dabei ist gerade die Kontrolle der „alten Hasen“ in Kaltenhof wichtig. Die haben ein Auge für die Vorkommnisse am Deich und können Wasserstellen schnell als harmlos oder gefährlich einstufen. Die Stimmung am Abend ist angespannt. Man will sich von den Polizisten nicht den Zugang zum Deich versperren lassen. Die sollen lieber die Gaffer vertreiben. Auch der Wasserstand beunruhigt uns alle. Das Wasser steht jetzt schon höher, als beim letzten Hochwasser. Die große Gelassenheit schwindet langsam. Kurz vor Mitternacht brechen wir auf. Im Haus gegenüber erblicken wir nun hochgestellte und aufgebockte Blumenschalen. Auch einige Gartenmöbel sind verschwunden. Wird es doch schlimmer als befürchtet??? 

Was denken und fühlen die Menschen im Wendland?

Hoher Besuch gestern in Dömitz: Innenminister Lorenz Caffier wird in den Hochwassergebieten von Mecklenburg Vorpommern erwartet. Ich überlege lange, ob ich an diesem Pressetermin teilnehmen soll. Letztendlich entscheide ich mich dagegen. Alle großen Zeitungen, Radiosender und TV-Sendungen werden sowieso darüber berichten. Mir ist es wichtiger über die betroffenen Menschen zu schreiben. Mein E-Mail-Briefkasten läuft über. Menschen aus der Region teilen mir Ihre Ängste und Sorgen mit. Sie stellen mir Fragen und hoffen auf Antworten. Für all diese Menschen, soll mein Blog ein Sprachorgan sein. Sie spiegeln nicht immer meine eigene Meinung wieder. Sie sind einfach nur ein Zeichen dafür, dass die Gefühle Achterbahn fahren und sie erzählen offen und ehrlich, was die Menschen im Wendland momentan bewegt.

Nähe Dömitzer Brücke (c) Carina Tietz

Nähe Dömitzer Brücke (c) Carina Tietz

T.S aus der Nähe von Neu Darchau: „Bei uns liegen die Nerven total blank. Bekannte haben geholfen das Haus leer zu räumen. Wir wissen nicht was auf uns zukommt. Es ist unser erstes Hochwasser, da wir das Haus erst im letzten Sommer gekauft haben. Niemand hat uns damals gesagt, dass hier solche Gefahren herrschen. Es belastet uns alle!“

Ein Feuerwehrmann: „Die Wasserstände sind doch gar nicht das Problem. Es kotzt mich regelrecht an, wenn  man von Entwarnung spricht! Natürlich wird das Wasser nicht überall, vielleicht auch gar nicht, über die Deiche schwappen. Aber es wird lange stehen bleiben. Es wird die Deiche Stück für Stück aufweichen. Es drohen Deichbrüche. Die können verheerende Folgen haben. Das muss man den Menschen weitergeben. Sie müssen sich der Gefahr bewusst sein. Im Ernstfall stehen schnelle Evakuierungen an. Da bleibt keine Zeit mehr, um persönliche Dinge zusammen zupacken. Hier greift das Informationssystem der Behörden nicht.“

Peter: „Ich habe meine eigenen Sandsäcke gefüllt, denn bei uns ist noch kein Sack angekommen. Auch am Deich ist nichts zu sehen.“

Ein Polizeihubschrauber landet in Kaltenhof (c) Carina Tietz

Ein Polizeihubschrauber landet in Kaltenhof (c) Carina Tietz

Karin aus der Nähe von Gartow: „Hier sind die Helfer unermüdlich im Einsatz. Das macht Mut. Wir sind direkt betroffen und haben die untere Etage bereits geräumt. Die Möbel stehen bei Freunden. Jeder hat mit angepackt. Die Solidarität treibt mir Tränen in die Augen.  Im Wendland hält man in Krisenzeiten zusammen!“

Marie: „Mein Arbeitgeber hat mir für heute und Freitag frei gegeben. Ich kann nicht arbeiten, da ich meine Kinder nicht unterbringen kann. Wir haben für die Helfer Kuchen gebacken. Am Nachmittag füllen wir Sandsäcke.“

Einsatzfahrzeuge sind überall, hier in Gartow (c) Carina Tietz

Einsatzfahrzeuge sind überall, hier in Gartow (c) Carina Tietz

Julia aus Dömitz: „Meine Tochter ist drei Monate alt. Sie benötigt Windeln und trinkt noch aus der Flasche. Ich kann nicht stillen. Wie viel Milchpulver benötige ich? Bringt die Feuerwehr im Notfall Windeln und Flaschennahrung??*Ich überlege ernsthaft, ob ich zu meiner Schwester nach Schwerin fahren soll. Aber andererseits will man sein Hab und Gut ja auch nicht alleine lassen. Ich kann nicht klar denken und bin wirklich angespannt.“ 

*Ich habe einige dieser Anfragen erreicht. Antworten sind willkommen!

Gundula aus Dannenberg: „Meine Mutter wohnt in Dömitz. Ich werde heute hinfahren und beim Einpacken helfen. Wer weiß, wie lange ich noch über die Brücke komme! Die Behörden sagen uns ja nichts. Wenn ich da rüber nach Mecklenburg Vorpommern schaue! Ich habe das Gefühl, dass dort alles besser und professioneller geregelt ist. Die Informationspolitik in Kreis Dannenberg ist schlecht und verwirrend.“

Hilfe kommt aus ganz Deutschland (c) Carina Tietz

Hilfe kommt aus ganz Deutschland (c) Carina Tietz

Claus aus der Nähe von Langendorf: „Ich habe schon beim Castor die Fehlpolitik hier kennengelernt. Da wundert mich nichts mehr. Die verarschen uns doch. Drüben im Osten nimmt man die Sache ernster. Da gibt es keine Entwarnung. Ein niedriger Wasserstand ändert ja auch nichts an der Gefahr. Kommt auch noch mal jemand zu uns und bringt Säcke?? Hier in der Langendorfer Gegend habe ich noch niemanden auf dem Deich gesehen. Was sind schon drei Höfe hier unten gegen das historische Hitzacker?“

Irmi aus Gartow: „Ich würde gerne wissen, wie lange die Geschäfte noch offen bleiben. Kommt überhaupt noch Nachschub? Man will ja den Landkreis weiträumig absperren. Dann kommen bestimmt keine Lebensmittellieferungen mehr. Soll ich mich mit Nahrungsmitteln eindecken und wenn ja, was soll ich kaufen?? Geht der Strom weg, dann nützt mir die Tiefkühlkost nichts mehr. Ich bin ratlos und wäre für jede Info dankbar.“*

*Wer kann hier Auskunft geben? Ratschläge gerne per E-Mail. Ich werde es weitergeben! Danke im Voraus!

Monika aus Hitzacker: „Mich zermürbt das Ganze. Aber das darf ich mir nicht anmerken lassen. Ich habe zwei Kinder und die sollen so wenig wie möglich damit belastet werden. Es ist aber trotzdem nicht immer leicht eine fröhliche Mutter zu spielen. Tief im Inneren bin ich getroffen. Ich habe Angst, dass ich alles verliere.“

Sandsäcke, Sandsäcke, Sandsäcke (c) Carina Tietz

Sandsäcke, Sandsäcke, Sandsäcke (c) Carina Tietz

R.H. aus Damnatz: „Ich kann die ganze Sache nicht einschätzen. Das macht mir regelrecht Angst. Auf der einen Seite gibt man Entwarnung auf der anderen klärt man uns über die Töne der Sirenen auf. Was soll ich davon halten?“

Astrid aus Höhbeck: „Man darf das nicht immer so angespannt sehen. Ich habe Kerzen gekauft und einen guten Rotwein. Wenn es hart auf hart kommt, ändert man eh nichts daran. Aber ich werde mich ganz bestimmt nicht schon vorher verrückt machen.“

 

 

 

 

Große Hilfsbereitschaft und ein halbwegs normaler Alltag im Hochwassergebiet

Nein, der Castor rollt nicht. Trotzdem hat es der Landkreis Lüchow Dannenberg in die internationalen Nachrichten geschafft. Doch der Anlass ist beunruhigend. Von überall her erreichen uns Nachrichten. Verwandte aus den USA haben sich über Facebook gemeldet. Freunde aus Dänemark rufen uns dreimal am Tag an. Kollegen aus Regensburg bieten ihre Hilfe an. Immer sind es dieselben Fragen: „Was können wir für euch tun? Wie können wir helfen? Wie ist die Lage?“

Die Lage ist irreal. Es ist 6 Uhr früh. Ich sitze auf der Terrasse und genieße meine Kaffee. Ein Kuckuck ruft, Frösche quaken und über mir dreht ein Storch seine Runden. Die alte Eisenbahnbrücke strahlt in der Morgensonne. Kaltenhof ist ein Idyll und momentan kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass hier bald eine Katastrophe hereinbrechen soll.

Den ganzen Tag bringen Helfer Sandsäcke zum Deich (c) Carina Tietz

Den ganzen Tag bringen Helfer Sandsäcke zum Deich (c) Carina Tietz

Vorne an der Kreisstraße sind dann doch die ersten Vorboten zu spüren. THW, Polizei und Feuerwehr sind mit Einsatzfahrzeugen unterwegs. Folgt man ihnen in Richtung Dömitzer Brücke ist man mittendrin in den Vorbereitungen. Hier sind die Fernsehbilder allgegenwärtig, die uns seit Tagen aus Dresden und Magdeburg erreichen. Soldaten marschieren am Deich entlang. Die Dömitzer Brücke wird kurz gesperrt. Aus dem Osten rücken Fahrzeugkolonnen der Feuerwehr an. Die Autofahrer nehmen es gelassen und üben sich in Geduld. „Wir sind froh, dass die Helfer hier sind“, sagt ein Rentner, der seine Schwester in Dömitz besuchen will. Ein Handwerker aus Uelzen muss einen Auftrag  in Lübtheen  erfüllen. Aber auch er hat Verständnis: „Die Leute an der Elbe brauchen Hilfe. Das hat Vorrang. Ich muss Fenster ausbessern. Das kann ich auch später noch erledigen.“. Die Solidarität der Menschen tut gut.

 

Der Storch in Kaltenhof bleibt gelassen (c) Carina Tietz

Der Storch in Kaltenhof bleibt gelassen (c) Carina Tietz

Auch der vergangene Tag war von unterschiedlichen Eindrücken geprägt. Wie alle berufstätigen Frauen kämpfe ich mit den Folgen der Schulausfälle. Der Kleine besucht die Schule zwar noch, aber von Kaltenhof gibt es keinen Busverkehr mehr. Die Omas und Tanten sind hunderte Kilometer entfernt. Ich muss improvisieren! Eine Freundin aus Dannenberg ruft an. Sie hat das gleiche Problem: „Ich musste Oma um 7 Uhr aus dem Bett klingeln. Zum Glück konnte ich die Jungs unterbringen.“ Aber das sind alles kleine und lösbare Probleme.

Am Nachmittag ruft meine Mutter aus dem Rheinland an. Sie erkundigt sich nach der Lage. Ich bin in Eile. Der Kleine hat ein Fußballspiel in Hitzacker.  Meine Mutter fällt aus allen Wolken: „In Hitzacker? Der Ort wird doch evakuiert. Dann spielen die noch Fußball?“ Ja, die spielen noch Fußball und ich finde es gut. Wir sollten nicht schon Tage vorher hysterisch werden und verrückt spielen. Die Lage ist unter Kontrolle. Alles Weitere ergibt sich.

Die Fahrt nach Hitzacker wird eine Herausforderung. Die Elbuferstraße und auch die alternative Verbindung Richtung Damnatz ist gesperrt. Uns bleibt nur die Fahrt über Dannenberg. Das Verkehrsaufkommen ist groß. Wir brauchen fast eine Stunde nach Hitzacker. Hier ist die Lage noch relativ ruhig. Viele Mannschaftskameraden meines Sohnes fehlen. Trotzdem findet das Fußballspiel statt. Auch wenn der MTV am Ende mit 7:6 verliert, war es eine willkommene Abwechslung! Für einen Moment hat man die Hochwassersorgen vergessen. Auch hier ist die Hilfsbereitschaft groß: „Wenn Ihr Hilfe braucht, dann ruft an. Wir kommen sofort! Ihr könnt auch Sachen und Möbel bei uns unterstellen. Wir haben auch einen Hänger!“ Ich bin überwältig!

Die Elbe kommt näher (c) Carina Tietz

Die Elbe kommt näher (c) Carina Tietz

 

 

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