Warten auf das Hochwasser in Kaltenhof, Pegelstand der Elbe in Dömitz 5. Juni 2013, 6 Uhr: 4,12

In den letzten 24 Stunden haben sich die Ereignisse überschlagen. Noch immer fehlt mir jedes Gespür dafür, die Situation realistisch einzuschätzen. Soll ich anfangen, die untere Etage zu räumen? Soll ich die nötigsten Dinge einpacken? Diese und viele weitere Fragen schießen durch meinen Kopf. Beantworten kann ich sie nicht.

Warten auf das Wasser in Grippel (c) Carina Tietz
Warten auf das Wasser in Grippel (c) Carina Tietz

Doch zumindest will ich versuchen Antworten zu finden. Ich rede mit Mitbürgern und merke schnell, dass auch sie der Sache eher hilflos gegenüber stehen. „Ich glaube nicht, dass Kaltenhof überschwemmt wird, aber eine Garantie kann ich nicht geben“, sagt ein Bauer, der gerade auf den Feldern nach dem Rechten sieht. Er steht gelassen am Wegesrand und wird von der Morgensonne geblendet. Es ist ein Idyll hier zwischen Kaltenhof und Langendorf und im Moment deutet hier nichts auf die bevorstehende Flutwelle hin.

Eisenbahnbrücke Dömitz 4. Juni 21.00 Uhr (c) Carina Tietz
Eisenbahnbrücke Dömitz 4. Juni 21.00 Uhr (c) Carina Tietz

Ich fahre weiter die Elbe entlang bis Grippel. Hier sind die Menschen wesentlich nervöser. Die ersten Häuser wurden mit Sandsäcken geschützt. Zusätzliche Plastikplanen sollen die unteren Etagen schützen. „Wir haben Angst vor dem, was da auf uns zukommt. Wir haben alle elektrischen Geräte nach oben gebracht. Ich glaube nicht, dass die Deiche halten werden“, sagt eine Mutter von zwei Kindern. Auch andere Menschen in dem kleinen Dorf sind beunruhigt: „Wenn ich die Prognosen bestätigen saufen wir alle ab, auch in Langendorf, Kaltenhof und Brandleben“. Ich will wissen, warum er so denkt. „Ich wohne seit vielen Jahren hier und habe schon einige Hochwasser erlebt, aber diese Pegelstände machen mir Angst“. Und er hat noch eine weitere Befürchtung: „Drüben in Dömitz wurden letztes Jahr Schutzmaßnahmen getroffen. Halten die Stand wird das Wasser auf die gegenüberliegende Seite nach Kaltenhof und Brandleben gedrückt. Das werden die Deiche nicht aushalten. Auch das Grundwasser wird steigen und die Böden sind völlig aufgeweicht“.

Nähe Dömitzer Brücke, 4. Juni am Abend (c) Carina Tietz
Nähe Dömitzer Brücke, 4. Juni am Abend (c) Carina Tietz

Meine Fahrt führt mich weiter in Richtung in Gartow. Am See steht ein Hobbyfotograf, der mit mir ins Gespräch kommt. Ich frage ihn nach seinen Erwartungen und seine Antworten machen mir Angst. „Unten in Schnackenburg kommen kleine Bäche in die Elbe. Die sind jetzt schon randvoll. Überall von Schnackenburg bis Hitzacker steht Wasser auf den Feldern. Der Boden ist vollgesaugt, der kann doch gar nichts mehr aufnehmen. Heute kommen Feuerwehrkräfte aus ganz Niedersachsen zu uns nach Gartow. Die würden doch nie so einen Aufstand machen, wenn die Sache nicht megaernst wäre. Ich rechne mit dem allerschlimmsten.“

Ich habe innerhalb kurzer Zeit hunderte Meinungen gehört. Es überwiegt die Angst und die Anspannung. Antworten habe ich nicht wirklich gefunden. Ich kann nur abwarten und hoffen.

Eines möchte ich jedoch an dieser Stelle noch erwähnen: Wir haben bisher eine Hilfsbereitschaft erfahren, die wir so auch noch nicht erlebt haben. Danke für die E-Mails, SMS und Anrufe! Danke, dass Ihr Eure Unterstützung zugesagt habt. Das muntert einen auf und gibt einem Halt in dieser nicht einzuschätzenden Lage! Danke dafür!

Danke auch nach Dänemark. Auch von da haben wir viele aufmunternde Worte gehört!

Aktuell gibt es folgende Verkehrsbehinderungen:

Sperrungen:

  • K 36 Hitzacker – Penkefitz
  • K 19 Neu Darchau: In Neu Darchau im Bereich Am Hafen Richtung Fähranleger
  • L 231 Neu Darchau: In Neu Darchau im Bereich Kateminer Mühlenbach wird die  halbseitige Sperrung der L 231 auf der Nordseite für die Ausführung von Hochwasser-Schutzmaßnahmen angeordnet.

 Für die B 248 Tramm, an der Zufahrt zum Kieswerk gilt eine Geschwindigkeitsbeschränkung für beide Fahrtrichtungen. Hier werden Sandsäcke gefüllt.

 Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung der letzten 24 Stunden:

 

  • Die ersten  Sandsäcke sind eingetroffen und werden verteilt
  • Der Landrat hat Katastrophenalarm ausgerufen
  • In Höhbeck wird der Friedhof mit Sand abgesichert
  • Die Grundschule Clenze, Drawehn-Schule Clenze, Gymnasium Lüchow, Fritz-Reuter-Gymnasium Dannenberg, Oberschule Dannenberg sowie Elbtalschule Gartow bleiben geschlossen. Hier sollen Stützpunkte aufgebaut und Hilfskräfte untergebracht werden
  • Für das Füllen von Sandsäcken werden noch immer freiwillige Helfer gesucht. Einsatzort ist das Kieswerk Neu Tramm an der B 248 zwischen Tramm und Jameln.
  • Hitzacker bereitet sich auf eine Evakuierung der Stadtinsel vor

 

Aktuelle Informationen gibt es ab jetzt stündlich in einer kurzen Zusammenfassung!

 

 

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.