Warten und Hoffen!

Der Scheitel ist da und jetzt können wir alle nur hoffen, dass die Deiche dicht halten und das Wasser schnell wieder abzieht. Die letzten Tage waren von Angst, Resignation, Hoffnung, Humor und Zusammenhalt geprägt.

Der Samstag verläuft relativ ruhig. In der Luft fliegt hin und wieder ein Hubschrauber und Einsatzfahrzeuge sind unterwegs. Die Elbe steigt weiter und weiter. Wir Dorfbewohner behalten sie im Auge und kontrollieren abwechselnd den Pegelstand. Der Samstagabend wird von einer noch seltsameren und beängstigenden Stille geprägt, denn die Kreisstraße ist für den Durchgangsverkehr gesperrt. Trotz der Sperrung ist die Nacht unruhig. Auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe ertönt eine Sirene. In den frühen Morgenstunden herrscht in Kaltenhof ein reger Verkehr. Ich bin viel zu müde, um ans Fenster zu gehen. Ich denke: Wenn die Lage sich zuspitzt, wird man auch an unsere Türen klopfen.“ Am nächsten Tag erfahre ich, dass man Boote ins Wasser gelassen hat. Warum? Das weiß niemand. Das ist reine Spekulation. Vielleicht will man gefährliches Treibgut fischen oder den Deich drüben in Dömitz von der Wasserseite her kontrollieren.



Ein Nachbar klingelt. Er hat das ganze Dorf zum Grillen eingeladen. Doch es ist nicht das übliche gemütliche Grillen, was wir sonst so kennen.  Es ist eher eine Lagebesprechung, denn niemand kann voraussagen, was in den nächsten Tagen auf uns zukommt. In der Ecke steht der Laptop. Der Pegelstand und die aktuellen Pressemeldungen werden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Auch heute ist die Stimmung wieder ganz unterschiedlich. Werner vom Deich nimmt es eher gelassen: „Der Deich ist mit unserem Lehmboden gebaut. Der hält!“ Seine Kinder sehen das Ganze aber eher skeptisch und machen sich für den Ernstfall Gedanken: „Wenn es ernst wird werden wir kaum alle Kühe evakuieren können. Am besten treiben wir Sie auf den Bahndamm und die Eisenbahnbrücke.“



So unterschiedlich wie die Meinungen, sind auch die Dorfbewohner selber. Einer trägt ein Zitat aus der Bibel vor und sucht darin Erklärungen für die Flut. Ein anderer macht den Klimawandel verantwortlich. Doch angeregte Diskussionen bleiben aus. Die Lage ist angespannt. Am Nachmittag gibt es das erste Stauwasser auf den Feldern hinterm dem Deich. Das macht einigen Bewohner Sorgen, denn es kommt früher und schneller als sonst. Aber das Wasser ist klar. Erst, wenn trübes Wasser durchsickert müssen wir Alarm schlagen. Der Pegel steigt unterdessen unaufhörlich weiter. Bei einem kalten Bier wird auch schon über mögliche Überschwemmungen und Evakuierungen geredet. Tritt der Ernstfall ein, sollte man gut gerüstet sein. Am späten Nachmittag machen sich alle wieder auf den Weg. Am Abend wollen wir uns wieder treffen.

Ich gehe mit zum Deich hoch. Das Wasser steht bedrohlich hoch. Bäume sind mittlerweile in den Fluten der Elbe verschwunden. Überall schwimmt Treibgut. Die Höhe und die Fließgeschwindigkeit verbreiten Angst und Schrecken. Auch das Stauwasser  steigt schnell an. Meine Nachbarin und ich beschließen für alle Fälle einen Notkoffer zu packen. Zur Vorsicht bringe ich meine Bücher und einige wertvolle Dinge in die erste Etage. Das ist anstrengend und verlangt uns einiges ab. In nicht einmal einer Stunde haben wir viele hundert Bücher hinauf getragen. Das zerrt an den Kräften. Die sollten wir eigentlich besser einteilen, denn vielleicht werden noch helfende Hände am Deich gebraucht. Aber daran denkt im Moment niemand. Schon gar nicht die Kinder. Die planschen im Pool, spielen Fußball und sind mit Roller und Fahrrad zum Deich unterwegs. Letzteres ist ein gefährliches Unterfangen, denn Kaltenhof wird von immer mehr Gaffern belagert. Selbst die Dorfkinder werden von Katastrophentouristen gefilmt. Nach vier Stunden Dauerbelagerung rufen wir schließlich bei der Gemeinde an. Kurze Zeit später ist eine Polizeistreife im Einsatz. Doch die jungen Polizisten sind überfordert und haben noch nicht das nötige Fingerspitzengefühl. Sie verbieten auch uns Anwohnern den Zugang zum Deich. Dabei ist gerade die Kontrolle der „alten Hasen“ in Kaltenhof wichtig. Die haben ein Auge für die Vorkommnisse am Deich und können Wasserstellen schnell als harmlos oder gefährlich einstufen. Die Stimmung am Abend ist angespannt. Man will sich von den Polizisten nicht den Zugang zum Deich versperren lassen. Die sollen lieber die Gaffer vertreiben. Auch der Wasserstand beunruhigt uns alle. Das Wasser steht jetzt schon höher, als beim letzten Hochwasser. Die große Gelassenheit schwindet langsam. Kurz vor Mitternacht brechen wir auf. Im Haus gegenüber erblicken wir nun hochgestellte und aufgebockte Blumenschalen. Auch einige Gartenmöbel sind verschwunden. Wird es doch schlimmer als befürchtet??? 



Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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