Was denken und fühlen die Menschen im Wendland?

Hoher Besuch gestern in Dömitz: Innenminister Lorenz Caffier wird in den Hochwassergebieten von Mecklenburg Vorpommern erwartet. Ich überlege lange, ob ich an diesem Pressetermin teilnehmen soll. Letztendlich entscheide ich mich dagegen. Alle großen Zeitungen, Radiosender und TV-Sendungen werden sowieso darüber berichten. Mir ist es wichtiger über die betroffenen Menschen zu schreiben. Mein E-Mail-Briefkasten läuft über. Menschen aus der Region teilen mir Ihre Ängste und Sorgen mit. Sie stellen mir Fragen und hoffen auf Antworten. Für all diese Menschen, soll mein Blog ein Sprachorgan sein. Sie spiegeln nicht immer meine eigene Meinung wieder. Sie sind einfach nur ein Zeichen dafür, dass die Gefühle Achterbahn fahren und sie erzählen offen und ehrlich, was die Menschen im Wendland momentan bewegt.

Nähe Dömitzer Brücke (c) Carina Tietz
Nähe Dömitzer Brücke (c) Carina Tietz

T.S aus der Nähe von Neu Darchau: „Bei uns liegen die Nerven total blank. Bekannte haben geholfen das Haus leer zu räumen. Wir wissen nicht was auf uns zukommt. Es ist unser erstes Hochwasser, da wir das Haus erst im letzten Sommer gekauft haben. Niemand hat uns damals gesagt, dass hier solche Gefahren herrschen. Es belastet uns alle!“

Ein Feuerwehrmann: „Die Wasserstände sind doch gar nicht das Problem. Es kotzt mich regelrecht an, wenn  man von Entwarnung spricht! Natürlich wird das Wasser nicht überall, vielleicht auch gar nicht, über die Deiche schwappen. Aber es wird lange stehen bleiben. Es wird die Deiche Stück für Stück aufweichen. Es drohen Deichbrüche. Die können verheerende Folgen haben. Das muss man den Menschen weitergeben. Sie müssen sich der Gefahr bewusst sein. Im Ernstfall stehen schnelle Evakuierungen an. Da bleibt keine Zeit mehr, um persönliche Dinge zusammen zupacken. Hier greift das Informationssystem der Behörden nicht.“

Peter: „Ich habe meine eigenen Sandsäcke gefüllt, denn bei uns ist noch kein Sack angekommen. Auch am Deich ist nichts zu sehen.“

Ein Polizeihubschrauber landet in Kaltenhof (c) Carina Tietz
Ein Polizeihubschrauber landet in Kaltenhof (c) Carina Tietz

Karin aus der Nähe von Gartow: „Hier sind die Helfer unermüdlich im Einsatz. Das macht Mut. Wir sind direkt betroffen und haben die untere Etage bereits geräumt. Die Möbel stehen bei Freunden. Jeder hat mit angepackt. Die Solidarität treibt mir Tränen in die Augen.  Im Wendland hält man in Krisenzeiten zusammen!“

Marie: „Mein Arbeitgeber hat mir für heute und Freitag frei gegeben. Ich kann nicht arbeiten, da ich meine Kinder nicht unterbringen kann. Wir haben für die Helfer Kuchen gebacken. Am Nachmittag füllen wir Sandsäcke.“

Einsatzfahrzeuge sind überall, hier in Gartow (c) Carina Tietz
Einsatzfahrzeuge sind überall, hier in Gartow (c) Carina Tietz

Julia aus Dömitz: „Meine Tochter ist drei Monate alt. Sie benötigt Windeln und trinkt noch aus der Flasche. Ich kann nicht stillen. Wie viel Milchpulver benötige ich? Bringt die Feuerwehr im Notfall Windeln und Flaschennahrung??*Ich überlege ernsthaft, ob ich zu meiner Schwester nach Schwerin fahren soll. Aber andererseits will man sein Hab und Gut ja auch nicht alleine lassen. Ich kann nicht klar denken und bin wirklich angespannt.“ 

*Ich habe einige dieser Anfragen erreicht. Antworten sind willkommen!

Gundula aus Dannenberg: „Meine Mutter wohnt in Dömitz. Ich werde heute hinfahren und beim Einpacken helfen. Wer weiß, wie lange ich noch über die Brücke komme! Die Behörden sagen uns ja nichts. Wenn ich da rüber nach Mecklenburg Vorpommern schaue! Ich habe das Gefühl, dass dort alles besser und professioneller geregelt ist. Die Informationspolitik in Kreis Dannenberg ist schlecht und verwirrend.“

Hilfe kommt aus ganz Deutschland (c) Carina Tietz
Hilfe kommt aus ganz Deutschland (c) Carina Tietz

Claus aus der Nähe von Langendorf: „Ich habe schon beim Castor die Fehlpolitik hier kennengelernt. Da wundert mich nichts mehr. Die verarschen uns doch. Drüben im Osten nimmt man die Sache ernster. Da gibt es keine Entwarnung. Ein niedriger Wasserstand ändert ja auch nichts an der Gefahr. Kommt auch noch mal jemand zu uns und bringt Säcke?? Hier in der Langendorfer Gegend habe ich noch niemanden auf dem Deich gesehen. Was sind schon drei Höfe hier unten gegen das historische Hitzacker?“



Irmi aus Gartow: „Ich würde gerne wissen, wie lange die Geschäfte noch offen bleiben. Kommt überhaupt noch Nachschub? Man will ja den Landkreis weiträumig absperren. Dann kommen bestimmt keine Lebensmittellieferungen mehr. Soll ich mich mit Nahrungsmitteln eindecken und wenn ja, was soll ich kaufen?? Geht der Strom weg, dann nützt mir die Tiefkühlkost nichts mehr. Ich bin ratlos und wäre für jede Info dankbar.“*

*Wer kann hier Auskunft geben? Ratschläge gerne per E-Mail. Ich werde es weitergeben! Danke im Voraus!



Monika aus Hitzacker: „Mich zermürbt das Ganze. Aber das darf ich mir nicht anmerken lassen. Ich habe zwei Kinder und die sollen so wenig wie möglich damit belastet werden. Es ist aber trotzdem nicht immer leicht eine fröhliche Mutter zu spielen. Tief im Inneren bin ich getroffen. Ich habe Angst, dass ich alles verliere.“

Sandsäcke, Sandsäcke, Sandsäcke (c) Carina Tietz
Sandsäcke, Sandsäcke, Sandsäcke (c) Carina Tietz

R.H. aus Damnatz: „Ich kann die ganze Sache nicht einschätzen. Das macht mir regelrecht Angst. Auf der einen Seite gibt man Entwarnung auf der anderen klärt man uns über die Töne der Sirenen auf. Was soll ich davon halten?“

Astrid aus Höhbeck: „Man darf das nicht immer so angespannt sehen. Ich habe Kerzen gekauft und einen guten Rotwein. Wenn es hart auf hart kommt, ändert man eh nichts daran. Aber ich werde mich ganz bestimmt nicht schon vorher verrückt machen.“

 

 

 

 

Carina Tietz

Freie Journalistin und Autorin

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